Mediation zwischen Kindern im Dezember 2006
(05.12.2006, Kinder sind 6 Jahre alt)Die Wohnung versinkt im Chaos, ich will noch einige dringende Emails schreiben und habe total schlechte Laune.
Ich will Sauberkeit, Entlastung, Harmonie und Frieden.
Doch ich kann nur putzen, wenn es in der Wohnung friedlich ist. Ich muss also erst Harmonie herstellen - aber die ist leider Lichtjahre entfernt, denn meine Kinder streiten. Und zwar leidenschaftlich und ausdauernd.
Ich erhalte dadurch Gelegenheit, meine kürzlich begonnenen Mediationsausbildung anzuwenden.
Noch eine Anmerkung: es ist vollkommen gleichgültig, wie alt die Konfliktparteien sind. Die Inhalte sind natürlich altersbedingt unterschiedlich, aber das Streitverhalten ist altersunabhängig.
Man kann es auch so ausdrücken: Im Streit verhalten sich Erwachsene wie Kinder.
Worüber also streiten meine Kinder erbittert und verzweifelt? Über ein rotes Playmobil-Baby. Zur Erläuterung des Sachverhalts: wir besitzen drei Playmobilbabies, zwei davon sind gelb und haben recht glatte Haare, eines ist rot und hat – wie ich seit gestern unterscheiden kann – eine wellige Außenrolle und ist daher ein Mädchen. Ich finde das Vorhandensein einer welligen Außenrolle übrigens vollkommen irrelevant für die Bestimmung des Geschlechts des Babys. Haben Knaben etwa nie Locken? Aber ich habe eben keine Ahnung.
Die wirklich wichtigen Dinge im Leben rauschen an einem durchschnittlichen Erwachsenen vollkommen vorbei.
Ich komme dazu, als Lina Amelie vorgeschlagen hat, sie könnten sich das Baby teilen: jeder könne es für zwei Tage behalten. Amelie ist damit erkennbar nicht einverstanden: sie weint, trampelt mit den Füßen auf den Boden und ist vollkommen außer sich. Zunächst muss der Sachverhalt geklärt und der Streitgegenstand gesichert werden.
Bereits die treuhänderische Verwahrung durch mich weckt große Sorge bei den Konfliktparteien, aber ich setze mich in diesem Punkt durch, denn sonst ist die Allparteilichkeit nicht mehr gewahrt, und die Mediation könnte durch Tätlichkeiten unterbrochen werden.
Ich höre beide Seiten an und wende mich dabei zuerst Amelie zu, weil diese so aufgelöst erscheint: „Du bist also der Meinung, es sei dein Baby. Wieso denkst du das?“ Das war eine recht konfrontierende Frage, die ich bei Erwachsenen anders formulieren würde, aber die "giraffischere" Variante („Aus welcher Beobachtung leitest du ab, dass das Baby dir gehört?“) würde Amelie vermutlich nicht verstehen. Sie antwortete: „Weil es in meiner Hose war.“ „Ok, und du findest, wenn es in deiner Hose ist, gehört es dir auch, und jetzt hast du Angst, dass du es nicht behalten darfst?“ Sich beruhigend: „Ja.“ Lina will dazwischen gehen und auch etwas erklären, aber ich bitte sie, sich zu gedulden, indem ich ihr mitteile, dass ich auch ihr noch genauso zuhören werde. Zu Amelie: „Und ist es dir total wichtig, dass du mit dem Baby spielen kannst, wann du willst?“ „Ja!“
So ging es noch eine Weile hin und her, und ich habe ihr immer wieder ihre Gefühle gespiegelt (ihre Angst, ihre Verzweiflung, ihr Hilflosigkeit) und ihre Bedürfnisse (selbst bestimmen, gehört werden, Gleichwertigkeit). Sie beruhigt sich zwar, aber nicht genug, um "vernünftig über alles zu reden".
Hintergrundinformation: Von der besagten Hose haben wir zwei, und sie sind keinem Eigentümer speziell zugeordnet. Die Tatsache, dass das Baby in der Hose war, deutet im Übrigen eher darauf hin, dass Lina es hinein getan hat, denn es ist eine von Linas Angewohnheiten, kleine Dinge in Hosentaschen mit sich zu tragen.
Dieses Wissen belastet meine Unvoreingenommenheit, und hinzu kommt, dass ich weiß, dass wir ehemals noch ein grünes Baby hatten, welches Lina gehörte und seit geraumer Zeit verschollen ist, und dass ich weiter weiß, dass Amelie das ihr gehörende rote Baby irgendwann mal an Lina verschenkt hat. Dass die wellige Außenrolle neuerdings überhaupt thematisiert wird, liegt vermutlich daran, dass erst die beiden (neuen) gelben Babies über keine solche Außenrolle verfügen, und man also erst seit kurzem überhaupt einen Unterschied in der Haartracht von Babies feststellen kann.
Ich wende mich Lina zu, und es kommt eine weitere Komplikation hinzu: Lina hat die Vermutung, das Baby gehöre einer gemeinsamen Freundin, Lisa, und Amelie habe es dieser geklaut.
Amelie bestreitet dies und teilt mit, Lisa habe gar kein solches Baby. Da Amelie nach meiner Erfahrung nicht stiehlt, folge ich ihrem Vortrag. Doch der Sachverhalt ist zunächst unklar.
Die Juristin in mir kommt zu folgendem Schluss (natürlich teile ich diesen den Konfliktparteien in diesem Stadium der Mediation noch nicht mit): da Amelie ihrer Schwester das Baby seinerzeit geschenkt hat, hat Lina ein Recht zum Besitz. Wenn sie Amelie ein alternierendes zweitägiges Nutzungsrecht einräumt, sollte Amelie dies erfreut akzeptieren. In manchen Momenten juckt es mich aufgrund dieser einfachen juristischen Lösung, einfach ein mütterliches Machtwort zu sprechen. Doch ich halte mich zurück.
Da Juristerei mit Mediation wenig zu tun hat und die Bedürfnisse meiner Kinder nicht erfüllen würde (oder höchstens von einem Kind), fahre ich in meiner Vermittlungstätigkeit fort. Leider erinnere ich nicht mehr den gesamten Verlauf, weil er nicht immer linear verlief und manchmal in einen Tumult ausartete.
Jedenfalls spiegelte ich die Gefühle und Bedürfnisse beider Kinder, und manchmal, wenn mir der Geduldsfaden riss, stieß ich wütende Drohungen aus ("Ich spüle das blöde Baby gleich ins Klo, dann ist Ruhe!"). Beide brachen dann in Tränen aus, und ich machte mir furchtbare Vorwürfe für meine Grausamkeit.
Einmal schlug ich vor, ich würde ein zweites Baby kaufen, aber Lina wollte sich darauf nur einlassen (und Amelie das vorhandene sofort überlassen), wenn ich es heute noch kaufte. Das wollte ich aber nicht, und so war das auch keine Lösung.
Die Fronten blieben verhärtet: Amelie räumte zwar ein, sie habe Lina ein rotes Baby geschenkt, aber sie bestritt, dass es mit dem in der Hose vorgefundenen identisch war. Sie war bereit, es Lina für zwei Tage zu leihen. Lina hingegen war bereit, sich mit Amelie das Baby zu teilen. Das war für Amelie unannehmbar, weil sie ihre behaupteten Eigentumsrechte nicht aufgeben wollte.
Irgendwann lenkte Amelie ein, Lina könne das Baby für zwei Tage haben (oder es sich mit ihr teilen, das weiß ich jetzt nicht mehr), wenn sie an meinem Notebook ein Spiel spielen dürfe. Zähneknirschend willigte ich ein, weil ich endlich diesen Konflikt beenden wollte. Natürlich blieb es nicht bei einem Spiel, sondern wir suchten mehrere Seiten auf, und Lina wollte dann auch noch etwas spielen, so dass wir eine halbe Stunde bei Internetspielchen zubrachten.
Aber zumindest waren meine Kinder dann wieder versöhnt. Und das ist doch die Hauptsache.
Mir fiel auf, dass meine Ungeduld und meine juristische Vorbildung mich zu voreiligen Schlüssen und Vorschlägen hinriss, und dass ich mich bewusst (und alle fünf Minuten neu!) dazu entscheiden musste, diese Denkweise loszulassen. Denn es geht ja nie Rechthaben. Es geht darum, dass beide Seiten zufrieden sind.