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Wahrnehmung

Was nehmen wir wahr? Was nicht? Und warum?
Diese tabellarischen Ausführungen stammen von einem Referat aus meinem Referendariat zum Thema "Tatsachenfeststellungen vor Gericht". Sie passen auch in meine jetzige Arbeit sehr gut, weil wir ständig etwas wahrnehmen.

Wahrnehmung: sinnhafte Verarbeitung empfundener Reize:

Person:

Verfassung:

(unbewusste) Entscheidung, was warum wahrgenommen wird: Vorgang der Wahrnehmung: (immer selektiv): außerhalb der Person:

Reiz/Geschehen:

geistige

Gehirn kann nur begrenzte Menge Informationen verarbeiten, trifft daher Auswahl

Verständnis

was man intellektuell versteht, wird man eher wahrnehmen und behalten

 

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Stärke

je intensiver, desto größer ist die Chance, wahrgenommen zu werden

seelische

Gefühle (glücklich, traurig, selbstbewusst, unsicher, aufgeregt etc.), entscheiden, was/wie man wahrnimmt

 

 

 

Interesse

was interessiert, wird eher (nicht unbedingt richtiger!) wahrgenommen und besser behalten

Motivation

das, woran man gefühlsmäßig beteiligt ist, wird man eher wahrnehmen und behalten (Der Wunsch ist der Vater der Wahrnehmung)

als Teil einer Gruppe will man das gleiche wie alle wahrnehmen

 

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Veränderung

je länger ein Reiz gleichbleibt, desto weniger wird er wahrgenommen

körperliche

wenn man müde, alkoholisiert, krank, etc. ist, nimmt man weniger/anders wahr.

Sinnesorgane arbeiten begrenzt:

Augen gewöhnen sich schwerer (und mit zunehmendem Alter noch schwerer) an Dunkelheit als an Licht.

Akustische Wahrnehmung ist meist unklar und subjektiv.

Tast-, Geruchs- und Geschmackssinn sind unzuverlässig. Oft wird behauptet, etwas gerochen zu haben, obwohl kein Geruchsreiz da war.

 

 

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Umgebung und Kontrast

alles, was man wahrnimmt, sind Unterschiede:

der Reiz muss von der Umgebung abweichen (im Kontrast stehen), um wahrgenommen zu werden

alles, was neu ist, wird wahrgenommen, wenn es zum alten in ausreichendem Kontrast steht

man neigt sogar dazu, zu glauben, das Gewohnte auch dann wahrgenommen zu haben, wenn es ausnahmsweise nicht stattgefunden hat.

Interpretation des wahrgenommenen Geschehens:

Ergänzung (vgl. auch unter Erinnerung)

wahrgenommene Bruchstücke werden zur Ganzheit
"sinnvoll" ausgefüllt->
man meint dann, "das Ganze" gesehen zu haben

man nimmt nur bewusst wahr, was man bewusst beobachtet - und man beobachtet nur bewusst, wovon man schon eine Vorstellung hat (Erfahrung) -> führt auch zu Vorurteilen!

Schlussfolgerung
(=Steigerung der Ergänzung!)

man denkt bei allen wahrgenommenen Geschehnissen Ursache und Wirkung mit dazu und meint, sie ebenfalls wahrgenommen zu haben.

Die Erinnerung

1. Das Gedächtnis allgemein:

Ultra-Kurzzeitgedächtnis

Input "kreist" 10-30 Sek.,
geht entweder in Kurzzeitgedächtnis oder löst Reaktion (körpersprachliche /Automatismen) aus und wird sofort vergessen

Kurzzeitgedächtnis

Input wird 15-30 Min.
gespeichert

Langzeitgedächtnis

speichert Regeln (Programme) und Erlebnisse, werden bei Bedarf abgerufen

abgespeichert werden Informationen, die Assoziationen hervorrufen
 

2. Erinnerungs"fehler"

je länger das wahrgenommene Ereignis zurückliegt, umso mehr wird vergessen (Vergessenskurve verläuft asymptotisch) je intensiver man kurz vorher oder nachher von anderem in Anspruch genommen wurde/wird, umso leichter wird vergessen. je schwächer der Eindruck, umso schneller wird vergessen.

Was geschieht mit der Wahrnehmung, die man nicht vergisst?

Das Gehirn ist wie ein Material, in welchem die früher gemachten Wahrnehmungen Vertiefungen hinterlassen haben, die "Muster" der wahrgenommenen Vorgänge (Grundmuster) bilden. Kommen neue dazu, tendieren diese, sich in Richtung der schon vorhandenen zu strukturieren. Das hat Folgen:

Angleichung (Assimilation)

je ähnlicher eine Wahrnehmung einem etablierten Muster ist, umso weniger wird sie als selbständiges (neues) Muster erinnert

Verfestigung

je etablierter die vorhandenen Muster, umso schwieriger ist eine Veränderung, deshalb werden gewisse Abweichungen vom Gewohnten nicht wahrgenommen

Zeitfolge

wenn mehrere Wahrnehmungen in zeitlicher und örtlicher Nähe stattfinden, wird die Verstärkung des Grundmusters begünstigt

Abwehrmechanismen

Rationalisierung

man findet bei eigenem (z.B. sozial nicht anerkannten) Verhalten nachträglich "gute Gründe"

Verleugnung

man weigert sich, etwas wahrgenommen zu haben, oder wahrzunehmen, dass etwas Bestimmtes stattgefunden hat

Verdrängung

Vorgang/Gefühl wird aus Bewusstsein verdrängt und nicht mehr erinnert/gefühlt

Projektion

eigene (z.B. schlechte) Eigenschaften werden bei anderen erwartet und gesehen

Verkehrung ins Gegenteil

aus Schutz der eigenen Person wird das Gegenteil des tatsächlich Geschehenen als erlebt abgespeichert

Fehler bei der Wiedergabe

Gedächtnisverlust

man kann nicht zu jeder Zeit alle vorhandenen Erinnerungen abrufen

Erinnerungsschätzungen

kurze Zeiträume und Entfernungen werden überschätzt, lange werden unterschätzt; Geschwindigkeitsschätzungen sind ganz unzuverlässig, Mengenschätzungen sind nur bei sehr geringen Zahlen verlässlich

Aussage-"verfälschungen"

Auslassungen, Hinzufügungen

Missverständnisse

man kann oft die Vorstellung des zu erzählenden Vorgangs nicht so in Worte fassen, dass beim zuhörenden Richter dieselbe Vorstellung entsteht

Weitere Filter sind:

Seelische Verfassung:
Dem Fröhlichen ist jedes Unkraut eine Blume, dem Betrübten jede Blume ein Unkraut.

Wunschdenken (der Wunsch ist der Vater der Wahrnehmung!):
Ein Journalist erfand eine Geschichte über das Bild einer nackte Frau, das in einer bestimmten Kleinstadt auf einer frisch gestrichenen Toilette festgeklebt sei. Bei einem Besuch in der Kleinstadt traf er Leute, die dies bezeugen wollten.

Rationalisierung:
Der Geizige sagt sich: ich gebe nichts für Hilfsorganisationen, denn das meiste meiner Spende bliebe ja doch bei der Verwaltung hängen, und den Rest reißt sich der Vorstand unter den Nagel.

Projektion:
Der Betrüger erwartet überall, betrogen zu werden.

Verständnis:
Ich persönlich z.B. habe als Kind den "Internationalen Frühschoppen" nie verstanden und sah nur Männer in Anzügen, die über langweilige Themen sprachen.

Interesse:
Der Actionfilm-Liebhaber wird den Liebesfilm schlechter nacherzählen können als der Liebesfilm-Fan.

(Quelle: Rolf Bender/Armin Nack: Tatsachenfeststellung vor Gericht, Band I, Glaubwürdigkeits- und Beweislehre, 2. Aufl. 1994)

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