Kritik GFK

Es gibt keine Methode.
Es gibt nur Achtsamkeit.

Krishnamurti

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Meine Kritik an GFK

Ich kenne eine Menge Bücher über Gewaltfreie Kommunikation. In den meisten erfährt man, wie Gewaltfreie Kommunikation im Idealfall funktioniert. Man lernt, es „richtig zu machen“. Sich „richtig auszudrücken“. Ich bin darüber sehr traurig, denn so wie ich Marshall Rosenberg verstehe, geht es nicht darum, eine Technik anzuwenden. Marshall Rosenberg sagt selbst darüber: "Wenn wir empathisch miteinander verbunden sind, fließt die göttliche Energie durch uns hindurch“…. Ich erfahre diese göttliche Energie, die Menschen verbinden kann. (...) Gewaltfreie Kommunikation ist eine Methode, uns mit dieser göttlichen Energie zu verbinden“.
Die Verbindung mit der göttlichen Energie - bzw. mit der bedingungslosen Liebe - ist das, worauf es mir ankommt. Wenn ich mich auf dieses Liebes-Level einschwinge, ist GFK ein Kinderspiel. Wenn ich nicht in der Liebe bin, ist sogar GFK nur Kommunikationsterror.

Meine Erfahrungen mit GFK

Ich habe mich die meiste Zeit damit herumgequält, dass ich GFK nicht so gut konnte wie ich wollte. Ich bin sehr oft gescheitert (und scheitere immer noch) – und mein Scheitern äußerte sich z.B. darin, dass ich urteilte oder belehrte, wenn ich mich hätte einfühlen sollen, dass ich anderen Leuten gegen ihren Willen GFK beizubringen versuchte, und dass ich beleidigt war, wenn ich keine Empathie erhielt, obwohl ich gerade dringend welche gebraucht hätte.

Durch GFK habe ich fast eine meiner längstjährigen Freundschaften verloren: Ich hatte meiner Freundin vorgeworfen, dass sie nicht mit ihren Gefühlen und Bedürfnissen verbunden sei. Und zusätzlich warf ich ihr insgeheim vor, dass sie von sich behauptete, ebenfalls GFK zu können, obwohl ich nie einen entsprechenden Satz von ihr hörte. Uns hat GFK fast getrennt. Eine lange Zeit lag ich meinem Mann fast täglich in den Ohren damit, wie egozentrisch sie sei. Er konnte es schon nicht mehr hören. Ich machte den Fortbestand unserer Freundschaft sogar von einer Mediation abhängig. Wegen Terminschwierigkeiten hat diese dann aber nie stattgefunden.

Dass wir trotzdem immer noch befreundet sind, verdanke ich meinem Aufenthalt an der Oneness University in Indien. Im Herbst 2007 absolvierte ich dort einen dreiwöchigen, sehr intensiven Prozess. Mehrmals täglich hörte ich folgende Frage: „Can you really change somebody?“ (Kannst du wirklich jemanden ändern?). Natürlich nicht. Man kann niemanden ändern. Wenn ich jemanden bitte, anders mit mir zu sprechen, bringe ich eventuell sogar sein Bedürfnis, so sein zu dürfen, wie er/sie ist, in Mangel.
Als ich auf einer tiefen Ebene kapiert hatte, dass ich meine Freundin nicht ändern kann, sondern dass ich sie nehmen muss, wie sie ist, verschwand der Druck, sie ändern zu wollen, vollkommen. Sie darf sein, wie sie ist, und ich kann die Gefühle, die ihr Sosein bei mir auslöst, einfach fühlen.

Auf sozusagen organische Weise hat der Oneness Prozess mein Verhältnis zu GFK geprägt und verändert. Eine der deutlichsten Auswirkungen ist, dass ich seit diesem Prozess viel mehr in der Lage bin, mich einzufühlen. Der Prozess hat mir einen erstaunlichen Überblick über die menschliche Natur verschafft und mir ein tiefes Mitgefühl „eingepflanzt“. Dieser Prozess hat mir die Grenzen der vier Schritte von GFK aufgezeigt und gleichzeitig wieder den Blick freigegeben auf den heiligen Ort, zu dem GFK eigentlich hinführen soll.

Die größte Falle ist unsere Sucht, es „richtig zu machen“.
Ab dem Moment, wo wir die vier Schritte kennen gelernt haben, sehen wir glasklar, was die Anderen falsch machen. Jetzt, wo wir gelernt haben, dass ein Ratschlag, eine Belehrung oder ein Urteil „wölfisch“ ist, verteilen wir unerbittlich Strafzettel. Wo wir früher entspannt damit umgehen konnten, eine ungebetene Diagnose zu erhalten, sind wir jetzt wütend oder verletzt. Wenn andere Menschen uns arglos einen Rat geben, nehmen wir ihnen übel, dass sie unser Bedürfnis nach Respekt, Abgrenzung und Integrität in Mangel gebracht haben. Wir verbitten uns diese Art von Grenzüberschreitung. Wir versuchen, Menschen dazu bringen, anders mit uns zu sprechen. GFK, die eigentlich zur Verbindung beitragen soll, wird zu einer Machtprobe - weil wir Menschen ändern wollen. Insgeheim denken wir: „mein Kommunikationsstil ist besser als deiner. Und ich werde ihn dir schon beibringen, ob du willst oder nicht.“

Wir selbst gehen natürlich mit gutem Beispiel voran und sprechen nur noch in Gefühlen und Bedürfnissen. Oft ist unser Herz zwar gar nicht offen, aber wir machen es wenigstens „richtig“. Damit gehören wir zu den Guten, die auch bei „berechtigtem Zorn“ noch die Form wahren.

Auch ich bin natürlich eine solche Richtigmacherin - und war dies besonders in meinen ersten Jahren mit GFK. Ich habe furchtbar oft die Erfahrung gemacht, wie wölfisch man GFK benutzen kann und dass allein die Beherrschung der vier Schritte noch lange nicht genügt, um wahrhaft giraffisch zu sprechen. Zum einen benutzen wir GFK gegen uns selbst und setzen uns ins Unrecht, wenn es uns nicht gelungen ist, giraffisch zu sprechen. Zum anderen verwenden wir GFK gegen Andere, die nicht giraffisch mit uns sprechen.

Jedes unbewusste, unausgesprochene „Sollte“, das durch unsere Gehirnwindungen geistert, färbt unsere Sichtweise auf die jeweilige Situation. Und sogar wenn wir eine klassisch giraffische Selbstaussage von uns geben, schwingt dieses „Sollte“ darin mit. Wir sind dann einfach nur ein Wolf, der Giraffensprache spricht - und noch lange kein „native speaker“.

Und es nützt auch nichts, wenn wir uns dafür verurteilen. Denn unser Ego ist so konstruiert, dass es ständig besser sein will als Andere. Jeder will ständig besser sein, jeder einzelne Mensch. Und im Besserseinwollen gibt es unzählige Varianten: Man ist klüger als andere, man ist stärker, schöner, reicher als andere, man ist bescheidener und nimmt sich besonders wenig wichtig, man ist bewusster als andere, man hat herausragende moralische Wertvorstellungen, man ist umweltbewusster als andere, man ist komplizierter als andere, oder man ist aus irgendeinem Grund besonders bemitleidenswert, man kränker als andere usw.
Und man kann auch negative Eigenschaften sehr gut nutzen, um spezieller zu sein.
Und daher kann man seinem Ego auch in der Weise dienen, dass man GFK einsetzt. Dann ist man besonders bewusst und hat besonders hochstehende moralische Werte.

GFK funktioniert meines Erachtens nur, wenn man sie als Hörfähigkeit auffasst - die man sich aus Liebe und Freiheit aneignet. Und es ist hilfreich, sich immer zu prüfen, warum man gerade GFK-Ohren aufsetzt: tue ich es, um besser zu sein oder weil mein Herz gerade offen ist?

Und was, wenn ich herausfinde, dass ich die GFK-Ohren nur deshalb aufsetze, um besser zu sein? Nichts. Es reicht, es zu sehen. :-)