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Die Geschichte vom Bäumchen (Agnes Kaiser Rekkas-Kaiser)

Es war einmal ein Bäumchen, das irgendwann erst einmal ein Same war, der auf die Erde fiel, Wurzeln schlug, nach einiger Zeit einen Keimling trieb, das erste Blättchen ausstreckte und dann zu einem richtigen kleinen Baum heranwuchs; die Äste wild durcheinander und in alle Himmelsrichtungen. Das war die Zeit, in der es den Wind genoss, auch die Sonne, und sich das Leben einfach so nahm und sich keine Gedanken darüber machte, weshalb das alles so ist und wie es sich abspielt und warum es so und nicht anders ist.

Als das Bäumchen ein bisschen größer wurde, bemerkte es, dass es in einem Park aufwuchs, der nach ganz bestimmten Regeln geordnet und gepflegt wurde, und wo es nicht einfach so drauflos wachsen konnte, sondern wo es lebensnotwendig war, sich in bestimmte Formen und Figuren einzufügen. Und dass es nicht einfach erlaubt war, dass die Vögel in ihm Nester bauen konnten oder dass es im Herbst die bunten Drachen der Kinder mit seinen Ästen einfing, und dass die Kinder dann unter Lachen hinaufkletterten, um auf einem starken Ast zu schaukeln. Oder dass man sich besonders in die Richtung, wo die Sonne am wärmsten und schönsten und wohligsten schien, ausbreiten konnte, sondern, dass man für die Belange von anderen gefällig zu sein hatte.
Die aber hatten ganz andere Wertmaßstäbe, die den Bedürfnissen des kleinen Baums wenig entsprachen. Und so rückten eines Tages dann die Gärtner des Parks an. Und sie wollten eigentlich nichts Böses tun, sondern erledigten nur ihre Aufgabe, die sie gelernt hatten und die für sie ganz selbstverständlich war. So wurde das Bäumchen vermessen und für zu wild befunden, und sie lehrten das Bäumchen die Richtung, in die es zu wachsen hatte.
Dafür beschnitten sie die Äste, so dass es eine "ansehnliche" Form bekam, und sorgten dafür, dass das Bäumchen genau in das Bild passte. So tat es der künstlichen Anordnung des Parks keinen Abbruch und folgte einer bestimmten Ästhetik, die es gar nicht verstand. Aber notgedrungen und später sogar selbstverständlich machte es mit und verrenkte sich manierlich.
Erst einmal waren diese neuen Eingürtungen, Fixierungen und Beschneidungen natürlich unangenehm und das Bäumchen versuchte, sich zu wehren, aber das war aussichtslos...
Es weinte manch harzige Träne im Stillen, bevor es sich fügte.
Und so wurde es größer und größer und wuchs und wuchs und wurde ein schöner großer Baum, aber immer geprägt von den Ansichten und Wünschen anderer, und immer, wenn die Jahreszeit kam, die Bäume herzurichten, zu pflegen – wie man sagte – und zu beschneiden, dann kriegte der Baum wieder seine richtige Fasson.

Eines Tages aber geschah etwas Verwunderliches: die Herrschaften des Parks verließen die Anlage, zogen aus, räumten das Feld und trollten sich und damit auch die lästigen Gärtner, und der Park war sich selbst überlassen.

Das Unkraut schoss ganz unverschämt, die Hecken schlugen aus, die Skulpturen kleideten sich kess mit Moos in frechem Grün, die Bäume balgten sich albern auf einer Wiese, die war chaotisch von Maulwürfen mit Haufen verziert. Eine überaus wilde Gesellschaft .... !
Nur unser Baum, der besonders schön und groß und prächtig war und der auch auf sich achtete, konnte nicht so mittun, wollte auch nicht, hatte höhere Ziele - und das war auch gut so.
Und es blieb einige Zeitlang gut so. So entwickelte er einen mächtigen Stamm, dicke, tragfähige Äste und erlebte so einige Sommer und Winter, bis er irgendwann verspürte, dass er doch noch andere Regungen in sich hatte, die er eigentlich gerne mochte, die von ganz früher ...
Und da stellte sich die große Frage: Wie konnte er diese seine Stärken wieder nutzen, die so lange geschlafen hatten, wie sie wieder zum Leben erwecken? Und wo in der Größe des Baumes waren sie gelagert, in den Blättern, in den Ästen, im Stamm, in den Wurzeln? Und wenn man an die vielen Jahresringe denkt, die der Baum inzwischen hatte, waren sie wohl in einem der inneren gewesen.
Und der Baum machte nun folgendes: In der Tiefe der blauschwarzen Nacht - ganz unverständlich, wenn man das von außen betrachtete und nicht wusste, worum es ging - drehte er seine Blätter um, so dass das Untere nach oben schaute – und in diese Blätter, die aussahen wie Hunderte von kleinen Schalen, ließ er all diese ganz bitteren Erfahrungen hineinfließen, all die Begrenzungen, die ungemäßen Bindungen, die achtlosen Worte der Gärtner, ihre vielen unrechtmäßigen Einmischungen in sein Leben, all die geweinten Tränen. All dies ließ der Baum in seine Blätter hineinfließen, in die Blätterschalen - auch die Zwänge und die Fesseln und all die dummen Beschneidungen seiner Kraft und seiner Fähigkeiten und seines ursprünglichen Wachstums, seine wehmütigen Gefühle ... all das ließ der Baum in seine Blätter hineinfließen, eines Nachts ... Und dann, was machte er dann?
Er fiel in einen tiefen Schlaf und vielleicht, ohne dass er es direkt bemerkte, floss noch diese oder jene Träne aus ihm heraus.
Die Nacht wurde geheimnisvoll und still, während der Baum zur Ruhe ging.
Da passierte etwas Eigenartiges, ganz von alleine, ohne dass der Baum das machte, das machten die Blätter. Sie wendeten sich von alleine in einer lautlosen Bewegung, in langsamen, kleinen langsamen, ruckartigen Bewegungen …
Die Blätter drehten sich wieder in ihre natürliche Position und entleerten sich, so dass ganz automatisch, von alleine der Inhalt heraus floss.
Und drehten sich und drehten sich in der Dunkelheit der Nacht, und keiner merkte es. Nur der Baum fühlte ein leichtes Wehen in seiner Krone ..., so als ob er tief atmete, so als wenn er die Wurzeln noch tiefer in die Erde streckte, um besser Nahrung tanken zu können.
Und es rutschte heraus.
Als langsam die Dämmerung kam und der Morgen graute, die ersten Sonnenstrahlen den Baum wieder vorfanden, hatte sich etwas getan: Der Baum wirkte üppiger, der Stamm kräftiger, stärker, voluminöser.

Und der erste Vogel kam, ließ sich nieder und trällerte sein frühes Lied ...
Er sangt dem Baum vom Leben – und der Baum verstand…