Diese Geschichten habe ich irgendwo gesammelt. Ich habe sie nicht selbst geschrieben.
Zürich Hauptbahnhof
(aus “Reisebuch für den Menschenfeind” von Friedrich-Karl Prätorius*)
Etwas irritierte mich an dem Verbot. Nicht das Verbot selbst, denn in der calvinistischen Schweiz ist ja so gut wie alles verboten, was Freude macht, nach 24 Uhr sogar das ganze Leben. Nein, der kleingedruckte Nachsatz störte mich, der sich so streng deutsch gab und doch so abgrundtief schweizerisch war: Zuwiderhandelnde werden verzeigt. Verzeihung, wieso verzeigt?
Oh, diese Schweizer! Wollen sie uns ärgern? Uns Fallen stellen, damit uns das Hochdeutsch nicht frei herausfällt, sondern aufstößt wie nach einem Käsefondue?
Zürich Hauptbahnhof. „Wie spät ist es?“ „S´isch jätz dänn bald halbi elfi.“ Verabredet sich hier heimlich ein ganzes Volk, den ankommenden Deutschen auf diese Weise Auskunft zu verweigern? Oder ist es der Ehrgeiz der Bergsteiger, die Sprache von hinten zu besteigen, die schwierige Nordwand sozusagen, die von vorne doch so leicht zu nehmen wäre?
Der Hang des Schweizerdeutschen, die Sätze Wort für Wort zu erklimmen wie Steilwände, jedes Wort dabei doppelt sichernd, erteilt uns Deutschen eine Lektion wahrer Gründlichkeit. Dass jemand mit seiner Frau verheiratet ist und ein anderer sich eine Verletzung zuzog, die so tödlich war, dass sie ihn das Leben kostete, entnahm ich heute dem TAGBLATT der Stadt Zürich. Zu einer lautmalerischen dreifachen Wortpaarung, die fast in Jodeln mündete, ließ sich der BLICK hinreißen: Mutige Mutti (Ornella) Muti gab Blasenoperation zu. Dreifach auch das Martyrium, das laut ST. GALLER CODEX die Thebäer Felix und Regula um 300 in Zürich erlitten, nämlich durch Sieden, Rädern und Enthaupten. Und erfreulich der Sinn für Ordnung, den beide noch nach ihrer Tötung unter dem Einfluss Schweizer Gründlichkeit bewiesen, indem die Enthaupteten ihre Köpfe selbst aufnahmen und zur Grabstätte trugen. Erfreulich auch, dass der Schweizer, den ich nach dem Weg zur Limmat frage, mir nach minutenlanger Erklärung verschwieg, dass ich dazu einen Fuß vor den anderen setzen müsste.
In der Vierteljahreszeitschrift TURICUM erfahre ich Aufschlussreiches über die Arbeit am SCHWEIZERDEUTSCHEN WÖRTERBUCH, dessen erster Band im Jahr 1881 in Zürich erschien. Über 100 Jahre danach ist man beim Buchstaben W angelangt. Sie ist also noch nicht ganz fertig, die Schweizer Sprache. Doch Hut ab vor dem Sprachpatriotismus, denn leicht spricht sich´s ja wirklich nicht. Auch ist die Einführung der Sprache in alle Bereiche des Lebens noch immer nicht gelungen. Was haben die Nachrichten zum Beispiel an sich, dass sie nur in Hochdeutsch kommen, das Wetter hingegen schon in Schwyzerdütsch? Was bewegt den Besucher des Züricher Schauspiels, sich Theaterstücke in der so ungeliebten Fremdsprache zu Gemüte zu führen? Ist die eigene etwa nicht geeignet?
Zürich Hauptbahnhof. Blasse Schweizer Knaben in Kampfanzügen, das Gewehr geschultert, werden von ihren fürsorglichen Müttern zur Bahn gebracht. Wozu diese Bewaffnung? Der Schweizerdeutsche mit seiner krachenden, stechenden, zischenden Aussprache ist doch schon bis an die Zähne bewaffnet. Nach Ingangsetzung eines vielfältigen Räderwerks, gründlich bis in die Schweizer Uhr, schiebt sich das phonetische Geschütz knatternd über die Lippen des Schweizers, während der so attackierte Fremde – vielleicht in frei flatterndem Hochdeutsch – entsetzt das Weite sucht.
Zürich Hauptbahnhof also. Von dort fahren Züge direkt in die Stille der Berge. Ich nehme den Zug nach Ziegelbrücke. Und dort den Postbus hinauf nach Amden, der Züricher Sonnenterrasse. Noch höher, noch stiller liegt Arvenbühl. Noch einmal streift mein Blick die Schlagzeile des Tages: Diebe aßen wertvolle Zuchtfische weg. Faszinierend dabei das Wörtchen weg, das auch hier zur Sicherung des Satzes dient, der sonst vor Schwäche vom Blatt rutschen würde.
Ich möchte mich dem typisch Schweizerdeutschen entziehen – die Schweiz ist schließlich auch ein Teil dessen, was wir als Welt bezeichnen. Ich denke an die beiden interrailenden Amerikanerinnen aus Phoenix und Amarillo zurück, die am Ende ihres Siebentageeuropatrips das Typische der Schweiz hochdosiert in sich aufnehmen wollten, indem sie nach einem kombinierten Menü aus Käsefondue, Schweizer Schokolade, zwei Taschenmessern und einer Uhr verlangten. „Can you tell us“ fragten sie mich, „ob die Fleischstücke sich bereits in einem Fonduetopf befinden oder danach in den Käse gehalten werden?“
Das, was einem ein Land im ungünstigsten Fall offenbart, ist die Fleischwerdung der Klischeevorstellung, die man von ihm hatte – und sonst nichts.
Arvenbühl. Sind die Berge wirklich frei von der Schweiz? Sind sie überhaupt wirklich? Hat hier nicht jemand etwas ins Überdimensionale vergrößert, was eigentlich klein und konzentriert auf eine Postkarte gehört? Lese ich auf den Kühen dort hinten nicht den geschwungenen Schriftzug MILKA? Ließ der Tiroler Reinhold Messner, den ich jahrelang für einen Schweizer hielt, sich von den Bergen Schmerz zufügen, damit sie ihre verpostkartete Lieblichkeit verlieren? Und irrte er unterdessen zum Südpol, weil er feststellen musste, dass auch im Himalaya nur Schweizer Berge stehen?
Nur dort, wo der Berg uns atemlos macht oder eine Lawine beschert, schmilzt das Klischee wie Alpenschokolade. Wird man gerettet und blickt in das treuherzige Gesicht eines Berner Sennenhundes, ist alles wieder beim Alten. Auch das Herrchen kann nicht weit sein und man weiß, gleich wird es „Grüetzi“ heißen.
Nein, ein Grüetzi will mir nicht über die Lippen. Es liegt mir zu nahe bei Grütze oder Kotze, jedenfalls etwas Durchgerührtem, das sich wie ein wabbernder Brei um den so Begrüetzten legt. Die Kniekehlen werden weich, Schwindel ergreift den Wanderer, der sich nur mit einem schneidigen „Guten Tag!“ auf den Beinen hält.
So eine einem entgegenkommende Schweizer Familie unbeschadet zu überstehen, die ihn vereint in ein lauwarmes Grüetzi hüllt, an das noch, obwohl er ganz offensichtlich allein ist, ein Miteinand gehängt wird, ist die eigentliche Anstrengung für den Bergwanderer. Dem also, den keine Lawine überrollt, der Fußschmerz für Fußschmerz sich des Klischees entledigt, der dann von weitem einen vermeintlichen Schweizer erblickt, den todbringenden Gruß auf den Lippen, sei hier empfohlen, dessen Absicht schon frühzeitig mit einem zackigen Guten Tag zu durchkreuzen.
Entspinnt sich ein Austausch von Freundlichkeiten, muss man gefasst sein, dass er von Schweizer Seite mit einem Auf Wiederluege beendet wird, das sich der Deutsche nur mit „Aufwiederlügen“ zu übersetzen vermag.
Aber, so gestand mir eine Schweizerin, die es wissen muss, bei ernsteren Liebesbeteuerungen, legt auch der Schweizer sein „Dütsch“ schamvoll zur Seite, der seriöse Teil wird auf hochdeutsch vollzogen. Gestöhnt und geturtelt würde dann wieder auf schwyzerdütsch. Und das nicht nur von Personen, die einen Hang zum Sado-Masochismus haben.
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*Der Autor hat mir die Veröffentlichung dieser Geschichte schriftlich genehmigt.
Buddha und der Senfsamen
Eine Frau kommt zu Buddha: ihr Kind ist tot, sie weint und jammert. Sie ist Witwe und wird nie wieder ein Kind bekommen, und ihr einziges Kind, das ihre ganze Liebe und ihr ganzer Lebenssinn war, ist gestorben. Sie geht schluchzend zu Buddha. …Was machte Buddha? Buddha lächelte und sagte: “Geh in die Stadt und finde einfach ein paar Senfsamen aus einem Haus, in dem noch nie jemand gestorben ist”.
Die Frau eilte in die Stadt und ging von Haus zu Haus. Und wo immer sie hinkam, sagte man ihr: ” Wir können dir so viele Senfsamen geben, wie du möchtest, aber die Bedingung können wir nicht erfüllen, denn so viele Menschen sind in diesem Haus gestorben. Gute Frau, sei nicht verrückt. Buddha hat sich einen Trick mit Dir erlaubt. Du wirst auf der ganzen Erde nicht ein einziges solches Haus finden”.
Die Weisheit des Indianers
Es interessiert mich nicht, womit Du Deinen Lebensunterhalt verdienst.
Ich möchte wissen, wonach Du innerlich schreist und ob Du zu träumen wagst, der Sehnsucht Deines Herzens zu begegnen.
Es interessiert mich nicht, wie alt Du bist.
Ich will wissen, ob Du es riskierst, wie ein Narr auszusehen, um Deiner Liebe und Deiner Träume willen und für das Abenteuer des Lebendigseins.
Es interessiert mich nicht, welche Planeten im Quadrat zu Deinem Mond stehen.
Ich will wissen, ob Du den tiefsten Punkt Deines eigenen Leids berührt hast, ob Du geöffnet worden bist von all dem Verrat, oder ob Du verschlossen bist aus Angst vor weiterer Qual.
Ich will wissen, ob Du mit dem Schmerz – meinem oder Deinem – dasitzen kannst, ohne zu versuchen, ihn zu verbergen oder zu mindern oder ihn zu beseitigen.
Ich will wissen, ob Du mit der Freude – meiner oder Deiner – da sein kannst, ob Du mit Wildheit tanzen und Dich von der Ekstase erfüllen lassen kannst, von den Fingerspitzen bis zu den Zehenspitzen, ohne uns zur Vorsicht zu ermahnen, zur Vernunft oder die Grenzen des Menschseins zu bedenken.
Es interessiert mich nicht, ob die Geschichte, die Du erzählst, wahr ist.
Ich will wissen, ob Du jemanden enttäuschen kannst, um Dir selber treu zu sein. Ob Du den Vorwurf des Verrats ertragen kannst und nicht Deine eigene Seele verrätst.
Ich will wissen, ob Du vertrauensvoll sein kannst und von daher vertrauenswürdig.
Ich will wissen, ob Du Schönheit sehen kannst, auch wenn es nicht jeden Tag schön ist und ob Du Dein Leben aus Gottes Gegenwart speisen kannst.
Ich will wissen, ob Du mit dem Scheitern – meinem und Deinem – leben kannst und trotz allem am Rande des Sees stehen bleibst und zu dem Silber des Vollmondes rufst: “Ja!”
Es interessiert mich nicht, zu erfahren, wo Du lebst und wie viel Geld Du hast.
Ich will wissen, ob Du aufstehen kannst nach einer Nacht der Trauer und der Verzweiflung, erschöpft und bis auf die Knochen zerschlagen, und tust, was für Deine Kinder getan werden muss.
Es interessiert mich nicht, wer Du bist und wie Du hergekommen bist.
Ich will wissen, ob Du mit mir in der Mitte des Feuers stehen wirst und nicht zurückschreckst.
Es interessiert mich nicht, wo oder was oder mit wem Du gelernt hast.
Ich will wissen, was Dich von innen hält, wenn sonst alles wegfällt.
Ich will wissen, ob Du allein sein kannst und in den leeren Momenten wirklich gerne mit Dir zusammen bist.
Oriah Mountain Dreamer
Der alte Mann und das Pferd – oder Urteile nie!
Ein alter Mann lebte in einem Dorf. Sehr arm, aber selbst Könige waren neidisch auf ihn, denn er besaß ein wunderschönes Pferd. Sie boten phantastische Summen für das Pferd, aber er verkaufte es nicht.
Eines morgens fand er sein Pferd nicht im Stall. Das ganze Dorf versammelte sich, und die Leute sagten: „Du dummer alter Mann. Wir haben immer gewusst, dass das Pferd eines Tages gestohlen würde. Es wäre besser gewesen, du hättest es verkauft. Welch ein Unglück!“ Der alte Mann aber sagte: „Geht nicht zu weit das zu sagen. Sagt einfach: das Pferd ist nicht im Stall. Soviel ist Tatsache, alles andere ist Urteil. Ob es ein Unglück ist oder ein Segen weiß ich nicht, weil ich nicht weiß, was daraus folgen wird.“ Die Leute lachten den Alten aus. Sie hatten schon immer gewusst, dass er ein bisschen verrückt war.
Aber nach 15 Tages kehrte das Pferd zurück. Es war nicht gestohlen worden, sondern in die Wildnis ausgebrochen. Und nicht nur das, es brachte auch 12 wilde Pferde mit. Wieder versammelten sich die Leute und sagten: „Alter Mann, du hattest recht, es hat sich tatsächlich als Segen erwiesen.“
Der Alte entgegnete: „Wieder geht ihr zu weit. Sagt einfach, das Pferd ist zurück. Ihr lest nur ein einziges Wort in einem Satz. Wie könnt ihr das ganze Buch beurteilen?
Der alte Mann hatte einen einzigen Sohn und der begann, die wilden Pferde zu trainieren. Schon eine Woche später fiel er vom Pferd und brach sich die Beine. Wieder versammelten sich die Leute, und wieder urteilten sie: „Alter Mann, du hattest recht. Es war ein Unglück. Dein einziger Sohn kann nun seine Beine nicht mehr gebrauchen. Und er war die Stütze deines Alter. Jetzt bist du ärmer als je zuvor.“ Der Alte antwortete: „Ihr seid besessen vom Urteil. Geht nicht zu weit. Sagt nur, dass mein Sohn sich die Beine gebrochen hat. Niemand weiß, ob dies ein Unglück oder ein Segen ist. Denn das Leben kommt in Fragmenten, und mehr bekommt ihr nie zu sehen.“
Es ergab sich, dass das Land nach ein paar Wochen einen Krieg begann. Alle jungen Männer des Ortes wurden zwangsweise zum Militär eingezogen. Nur der Sohn des alten Mannes blieb zurück, weil er verkrüppelt war.
Der ganze Ort war vom Wehgeschrei erfüllt, weil dieser Krieg nicht zu gewinnen war. Und man wusste, dass die meisten jungen Männer nicht nach Hause zurückkehren würden. Sie kamen zu dem alten Mann und sagten: „Du hattest recht, alter Mann. Es hat sich als Segen erwiesen. Dein Sohn ist zwar verkrüppelt, aber immerhin ist er noch bei dir.“ Der alte Mann antwortete wieder: „Ihr hört nicht auf zu urteilen. Niemand weiß was kommt. Sagt nur dies, dass man eure Söhne in die Armee eingezogen hat, und dass mein Sohn nicht eingezogen wurde. Doch nur Gott, der das Ganze kennt, weiß, ob dies ein Unglück oder ein Segen ist.
Darum: Urteile nie.
Shay spielt Baseball oder Gewinnen ist nicht alles.
Bei einem Wohltätigkeitsessen zugunsten von Schülern mit Lernschwierigkeiten hielt der Vater eines der Kinder eine Rede, die so schnell keiner der Anwesenden vergessen wird.
Nachdem er die Schule und ihre Mitarbeiter in höchsten Tönen gelobt hatte, stellte er folgende Frage:
“Wenn keine störenden äußeren Einflüsse zum Tragen kommen, gerät alles, was die Natur anpackt, zur Perfektion. Aber mein Sohn Shay ist nicht so lernfähig wie andere Kinder. Er ist nicht in der Lage, die Dinge so zu verstehen wie andere Kinder. Wo ist die natürliche Ordnung der Dinge bei meinem Sohn?”
Das Publikum war angesichts dieser Frage vollkommen stumm.
Der Vater fuhr fort: “Ich bin der Meinung, wenn ein Kind so ist wie Shay, das geistig und körperlich behindert zur Welt kommt, dann entsteht die Möglichkeit, wahre menschliche Natur in die Tat umzusetzen, und es liegt nur daran, wie die Menschen dieses Kind behandeln.”
Dann erzählte er die folgende Geschichte:
Shay und ich waren einmal an einem Park vorbeigekommen, in dem einige Jungen, die Shay kannte, Baseball spielten. Shay fragte: “Glaubst du, sie lassen mich mitspielen?” Ich wusste, dass die meisten der Jungen jemanden wie Shay nicht in ihrer Mannschaft haben wollten, aber als Vater war mir auch Folgendes
klar: Wenn mein Sohn mitspielen durfte, dann würde dies ihm ein Dazugehörigkeitsgefühl geben, nach dem er sich so sehr sehnte, und auch die Zuversicht, trotz seiner Behinderung von anderen akzeptiert zu werden.
Ich ging also zu einem der Jungen auf dem Spielfeld und fragte, ohne allzu viel zu erwarten, ob Shay mitspielen könne. Der Junge schaute sich hilfesuchend um und sagte: “Wir haben schon sechs Runden verloren und das Spiel ist gerade beim achten Inning. Ich glaube schon, dass er mitspielen kann. Wir werden versuchen, ihn dann beim neunten Inning an den Schläger kommen zu lassen.”
Shay kämpfte sich nach drüben zur Bank der Mannschaft und zog sich mit einem breiten Grinsen ein Trikot des Teams an. Ich schaute mit Tränen in den Augen und Wärme im Herzen zu.
Die Jungen sahen, wie ich mich freute, weil mein Sohn mitspielen durfte.
Am Ende des achten Innings hatte Shays Team ein paar Runden gewonnen, lag aber immer noch um drei im Rückstand. Mitten im neunten Inning zog sich Shay den Handschuh an und spielte im rechten Feld mit. Auch wenn keine Schläge in seine Richtung gelangten, war er doch begeistert, dass er mit dabei sein durfte, und grinste bis zu beiden Ohren, als ich ihm von der Tribüne aus zuwinkte.
Am Ende des neunten Innings holte Shays Mannschaft noch einen Punkt.
In der jetzigen Ausgangslage war der nächste Run ein potenzieller Siegesrun, und Shay kam als Nächster an die Reihe. Würden sie in diesem Moment Shay den Schläger überlassen und damit die Chance, das Spiel zu gewinnen, aufs Spiel setzen?
Überraschenderweise bekam Shay den Schläger. Jeder wusste, dass ein Treffer so gut wie unmöglich war, denn Shay wusste nicht einmal, wie er den Schläger richtig halten sollte, geschweige denn, wie er den Ball schlagen sollte. Als Shay allerdings an den Abschlagpunkt trat, merkte der Pitcher,dass die gegnerische Mannschaft in diesem Moment nicht gerade auf den Sieg aus zu sein schien, und warf den Ball so vorsichtig, dass Shay ihn wenigstens treffen konnte. Beim ersten Pitch schwankte Shay etwas unbeholfen zur Seite und schlug vorbei. Der Pitcher ging wieder ein paar Schritte nach vorn und warf den Ball vorsichtig in Shays Richtung.
Als der Pitch hereinkam, hechtete Shay zum Ball und schlug ihn tief nach unten gezogen zurück zum Pitcher. Das Spiel wäre nun gleich zu Ende.
Der Pitcher nahm den tiefen Ball auf und hätte ihn ohne Anstrengung zum ersten Baseman werfen können.
Shay wäre dann rausgeflogen, und das Spiel wäre beendet gewesen.
Aber stattdessen warf der Pitcher den Ball über den Kopf des ersten Basemans und außer Reichweite der anderen Spieler. Von der Tribüne und von beiden Teams schallte es: “Shay lauf los! Lauf los!”
Noch nie im Leben war Shay so weit gelaufen, aber er schaffte er bis First Base.
Mit weit aufgerissenen Augen und etwas verwundert hetzte er die Grundlinie entlang.
Allen schrien: “Lauf weiter, lauf weiter!” Shay holte tief Atem und lief unbeholfen, aber voller Stolz weiter, um ans Ziel zu gelangen. Als Shay um die Ecke zur zweiten Basis bog, hatte der rechte Feldspieler den Ball . Er war der kleinste Junge im Team, der jetzt seine erste Chance hatte, zum Held seines Teams zu werden. Er hätte den Ball dem zweiten Baseman zuwerfen können, aber er hatte verstanden, was der Pitcher vorhatte, und so warf er den Ball absichtlich ganz hoch und weit über den Kopf des dritten Basemans. Also rannte Shay wie im Delirium zur dritten Basis, während die Läufer vor ihm die Stationen bis nach Hause umrundeten.
Alle schrien nun: “Shay, Shay, Shay, lauf weiter, lauf weiter”. Shay erreichte die dritte Basis, weil der gegnerische Shortstop ihm zur Hilfe gelaufen kam und ihn in die richtige Richtung der dritten Basis gedreht und gerufen hatte: “Lauf zur dritten!” “Shay, lauf zur dritten!”
Als Shay die dritte Basis geschafft hatte, waren alle Spieler beider Teams und die Zuschauer auf den Beinen und riefen: “Shay, lauf nach Hause! Lauf nach Hause!”
Shay lief nach Hause, trat auf die Platte und wurde als Held des Tages gefeiert, der den Grand Slam erreicht und den Sieg für seine Mannschaft davongetragen hatte.
“An diesem Tag”, so sagte der Vater, während ihm die Tränen übers Gesicht liefen, “brachten die Spieler von beiden Mannschaften ein Stück wahrer Liebe und Menschlichkeit in Shays Welt.”
Shay erlebte keinen weiteren Sommer mehr. Er starb im folgenden Winter und hatte nie vergessen, wie es war, ein Held zu sein und mich so glücklich gemacht zu haben und zu sehen, wie die Mutter ihren kleinen Helden unter Tränen umarmte, als er nach Hause kam!”