Einfühlsame Kommunikation

“Ihr seid Ökos und wir sind Assis” – Wie eine Freizeit für Gewaltfreie Kommunikation auch krasse Gegensätze verbinden kann

Ich war vom 13. bis 20. August mit meiner Familie auf einer Familienfreizeit für Gewaltfreie Kommunikation. Es war meine vierte Freizeit, und sie war die herausforderndste und berührendste, die ich je erlebt habe.

Schon am Ankunftstag zeichnete sich ab, dass diese Freizeit anders sein würde als die anderen. Erstens bildeten mein Mann, meine Kinder und ich zunächst die einzige intakte Familie (sogar, wenn man die Trainer mit einbezieht). Erst nach zwei Tagen kam eine weitere intakte Familie an.
Zweitens waren von 68 Teilnehmern nur 28 Erwachsene.
Drittens stammten 25 Personen aus äh… sozial benachteiligten Verhältnissen.

Zuerst dachte ich: “Ach, du lieber Gott – was wollen denn diiie hier?”
Alle meine Vorurteile trieben große Blüten, denn ich kannte solche Menschen bis dahin nur aus TV-Sendungen wie “Frauentausch” oder “Super-Nanny” (was ich höchstens 2x gesehen habe).

Und auch diese Mütter fühlten sich sehr deplaziert. Das Kennenlern-Plenum war laut und unruhig, und ich fragte mich, ob ich in der richtigen Veranstaltung war. Bei der Vorstellungsrunde zuckte ich zusammen, als diese Frauen über sich und ihre Kinder sprachen. “Der Vater will nichts mehr von uns wissen”, “Der P. ist mein Problemkind”, “Der Vater ist Säufer und kümmert sich nicht um A.” Eine sehr junge Mutter nannte ihre vier Kinder “kleine Kröten”. Ich wollte mit ihnen nichts zu tun haben.

Und sie mit uns eigentlich auch nichts. Die Mütter wussten nämlich gar nicht, was sie erwartete. Sie hatten sich auf eine heitere Frauenfreizeit eingestellt, in der man sich austauscht, gemeinsam etwas unternimmt, spielt, wandert, vielleicht auch shoppt. Gelandet waren sie jedoch in einer Veranstaltung, in der es darum ging, sich mit Kommunikation auseinanderzusetzen, und die eigenen Gefühle und Bedürfnisse wahrzunehmen. Oje.

Wir alle hatten Vorurteile über- und gegeneinander und betrachteten uns argwöhnisch – zumindest weiß ich das von den Frauen und von mir persönlich (vielleicht waren andere Mütter in dieser Hinsicht weiter als ich?).

Ich versuchte, sie auszublenden und bezog mich einige Tage lang nur auf die Mütter, die ich normal fand: Lehrerinnen, Sozialpädagoginnen, Yogalehrerinnen etc. Das war meine Wellenlänge. Menschen aus einem sozial benachteiligten Umfeld gehörten nicht dazu.

Und auch diese Mütter fühlten sich einige Tage lang sehr deplaziert und werteten uns ebenfalls ab. Sie verbrachten die meiste Zeit in einem anderen Raum als wir und nahmen nur zögerlich am Seminarangebot teil. Eine große, kräftige Frau von ca. 50 Jahren mit drei sichtbaren Piercings, schwarzem Haar, scharfen Gesichtszügen und tiefer Stimme drückte es so aus: “Das ist hier nicht unsere Welt. Ihr seid Ökos, wir sind Assis, das passt einfach nicht zusammen”.

Eines Tages fiel die ca. anderthalbjährige Tochter einer „sozial benachteiligten“ Mutter (ich nenne sie mal Juno, weil sie mich an diesen Film erinnert) von der Rutschbahn. Da das Mädchen ruhig am Boden lag, dachte Juno (ca. Mitte 20), es sei nichts Schlimmes passiert. Eine der Trainerinnen empfahl jedoch, sofort ins Krankenhaus zu fahren. Dort stellte sich heraus, dass der rechte Arm und das Schlüsselbein des Mädchens gebrochen waren, und dass sie nur wegen des Schocks so ruhig gewesen war.

 

Vielleicht war das der Wendepunkt? Jedenfalls änderte sich die Stimmung langsam. Ich glaube, die Frauen sahen dadurch, dass wir uns wirklich um sie kümmerten.

 

Es kamen zwar immer noch nicht alle Frauen zu allen Seminarangeboten (Morgenrunde, Abendrunde, Spiele, Kleingruppenarbeit usw.), aber es wurden immer mehr. Nur zwei nahmen fast an gar nichts teil – vielleicht deshalb, weil sie schlecht deutsch sprachen und sich dafür schämten.

 

In einer intensiven Kleingruppe mit vier Teilnehmern lernte ich die Mutter der vier Kinder näher kennen, die ihre Kinder „kleine Kröten“ oder eins sogar „Made“ genannt hatte (ich nenne sie Beth, nach der Leadsängerin der Gruppe Gossip). Beth lebt mit einem Mann aus einen anderen Kontinent zusammen, der den ganzen Tag in einer Besenkammer am PC sitzt und sich buchstäblich an nichts beteiligt – außer Kosten zu verursachen. Sie erzählte uns ihre Lebensgeschichte, und ich will nicht mehr sagen, als dass ihre Biografie alle klassischen Faktoren enthält, die jemandem das Leben so richtig verpfuschen können.

 

„Ich wollte endlich eine intakte Familie haben. Ich wollte Kinder, weil Kinder einen lieben, wie man ist.“

Eigentlich ging es in dieser Runde darum, Beth Empathie für ihren Schmerz zu geben. Aber damit konnte sie gar nichts anfangen. Sie weinte zwar manchmal kurz, aber immer wieder sprang sie von ihren Gefühlen weg und erzählte Geschichten darüber, wie blöd sich ihr Freund verhalte.

Mir wurde sehr klar (und sie bestätigte das auch), dass sie sich einfach nicht leisten kann, ihren Schmerz zu fühlen. Beth muss mit ihren 25 Jahren und ihrem starkem Übergewicht die ganze Familie zusammenhalten, das älteste Kind ist 6 Jahre, das jüngste ca. 10 Monate alt. Wenn sie sich ihren Gefühlen hingibt, bricht alles weg, was die Familie zusammenhält. Sie geht nie aus, tut nichts für sich, alles ist für die Kinder. Und ja, sie schreit sie an, und ja, ich kann es kaum aushalten, aber sie ist für sie da. Sie stemmt alles alleine, ohne ein Vorbild zu haben, wie sich eine liebende Mutter verhalten könnte.

Und ich begann, sehr viel Respekt zu entwickeln. Und sie zu mögen.

Sie bat um einen Rat, was sie tun könne, damit ihr Freund sich endlich ändere. Sie habe sich doch schließlich auch so sehr für ihn geändert!
Ich sagte: „Du kannst ihn nicht ändern. Hör auf, es zu versuchen. Wenn du Liebe und Zugehörigkeit brauchst, such’ dir das lieber bei Freundinnen. Hör auf, es von deinem Kerl zu erwarten. Das ist Energieverschwendung. Wenn er sowieso glaubt, du würdest nichts für ihn tun, dann verwende deine Energie lieber für dich selbst und deine Kinder.“ Sie bedankte sich. Und am letzten Tag erzählte sie, sie habe eine Stunde mit ihrem Partner telefoniert, ohne ihm Vorwürfe zu machen. Wow.

 

An einem Nachmittag, als alle im Schwimmbad waren, kam ich mit der Mutter des gestürzten Mädchens in Kontakt. Sie erzählte mir, wie seltsam sie mich und meinen Mann gefunden habe. Sie finde es unnormal, wie mir miteinander umgehen, fast unwirklich. Ich erzählte ihr, dass ich nicht immer so gewesen sei, und dass ich auch Tage habe, in denen ich herumschreie und in Not bin. Als sie über den Vater ihrer Kinder sprach, und wie sehr sie sein Verhalten missbillige (auch wenn sie ihn noch liebe), erzählte ich ihr viel darüber, dass jeder Mensch sich aus seiner eigenen Sicht vollkommen normal verhält und einfach nicht anders kann.

Wir hatten in diesem Gespräch viel Nähe und beendeten es mit einer sehr herzlichen Umarmung.

 

Und am beachtlichsten war mein Verhältnis zu der großen Frau mit den scharfen Gesichtszügen und den vielen Piercings, ich nenne sie mal Walküre (nimm es mir nicht übel, falls du das liest!!!). Mir war aufgefallen, dass ihr Sohn sehr freundlich war, obwohl sie einen Feldmarshall-haften Ton hatte, und ich vermutete, dass er wohl spüren muss, dass sie ihn liebt.

Walküre nahm unter großem Vorbehalt an einer Seminarrunde teil, in der wir um Gefühle und Bedürfnisse sozusagen Poker spielten: uns wurden erst Gefühlskärtchen und dann Bedürfniskärtchen ausgeteilt, ein Teilnehmer erzählte eine Situation, und wir schlugen ihm die passenden Kärtchen vor, die wir „auf der Hand“ hatten.

Als Walküre auf unsere Anregung hin ihr Sichdeplaziertfühlen als Situation zur Verfügung stellte, erzählte sie, dass alle Männer Angst vor ihr hätten, aber dass sie einfach sehr gut für sich selbst sorgen könne: „Wenn ich in eine Kneipe reinkomme, in der nur Kerle sitzen, und sage `Hallo Mädels`, dann gehört die Kneipe nach zwei Stunden mir!“ Ich glaubte ihr sofort.

 

Sie verlässt sich auf niemanden und vertraut niemandem, aber sie hat ihr Leben voll im Griff. Sie schaue nicht nach hinten, nur nach vorne, und wenn jemand mit ihr nicht einverstanden sei, sage sie „Da ist die Tür!“. Sie saß mir direkt gegenüber, und ich spürte, wie sich mein Herz bei jedem Wort weiter öffnete.

Man darf Walküre nicht ohne vorherigen Antrag berühren, sie hört am liebsten Heavy Metal und liebt Filme, bei denen „das Blut aus dem Fernseher spritzt“, aber mir wurde immer deutlicher, dass sich dahinter ein sehr vorsichtiges und mitfühlendes Herz verbirgt – das schon oft verletzt wurde.
Ich habe sehr viel Achtung vor ihr. Und ich habe sie sehr gern.

 

Ich bin jetzt wirklich sehr froh, dass diese Frauen an der Freizeit teilgenommen haben, denn so hatte ich Gelegenheit, sie in mein Herz zu schließen – und damit alle anderen Frauen, die genauso leben müssen wie sie.

 

Ich habe ihre Tapferkeit gesehen, die angesichts von so wenig Unterstützung irgendwie „ihr Ding machen“ und für ihre Kinder da sind. Wir alle haben uns aneinander angenähert und uns über alle Vorurteile hinweg (die auf beiden Seiten da waren) miteinander verbunden.

 

Und auch wenn das jetzt melodramatisch klingt, konnte ich sehen, dass wir wirklich alle miteinander verbunden sind und alle den gleichen Kern haben.
Und das ist ein sehr kostbares Geschenk für mich.

 

„Sprache wird als Verständigungsmittel stark überschätzt.

Sie ist eigentlich eher eine Form des Selbstausdrucks.“

 

Dieses Statement ist nicht von mir, sondern vom wundervollsten Ehemann auf diesem Planeten. Und falls einige von Ihnen denken, er habe diese Erkenntnis nach einem gescheiterten Gespräch mit mir gehabt, kann ich Sie beruhigen – oder enttäuschen? ;-)

Er hat mir aus der Seele gesprochen, und ich verweise in diesem Zusammenhang auch auf meinen Blog-Artikel „Jeder hört nur, was er versteht“.

Von dem, was ich sage, kommt beim Gegenüber entweder a) überhaupt nur wenig an, oder es kommt b) falsch an, oder c) der Kontext wird missverstanden. Und leider habe ich darauf nur wenig Einfluss – außer, ich frage (wie es in GFK geschieht) andauernd nach: „Was ist jetzt bei dir angekommen?“ Dadurch kann sich ein Gespräch natürlich einerseits sehr in die Länge ziehen, andererseits hören viele Menschen aus dieser Frage, ich hielte sie für zu blöd, meinen Redebeitrag zu verstehen.

Manchmal, wenn es mir sehr wichtig ist, dass das Gesagte 1:1 beim Gegenüber ankommt, frage ich tatsächlich nach, was der Andere verstanden hat.

Je nach dem, wen ich vor mir habe, erhalte ich unterschiedliche Reaktionen: Meine Kinder sagen häufig, sie könnten es nicht wiederholen, weil es so viel sei.Meine Mutter wird manchmal misstrauisch und will es nicht wiederholen, weil sie sich in ihre Schulzeit zurückversetzt fühlt.

Und andere Menschen sagen dann so was wie „Doch, doch, ich habe dich schon verstanden.“ Ich kann dann nicht nachhaken, ohne sehr penetrant zu wirken, also lasse ich es. Und stelle häufig fest, dass der Andere mich eben doch nicht verstanden hat, weil das, was er dann sagt, nicht zu dem passt, was ich gesagt hatte.

Und wenn der Andere es mir doch spiegelt, dann kommt meist wirklich etwas anderes heraus als ich reingetan habe. Wie gut, dies zu erfahren! Dann habe ich die Gelegenheit, die Sache gleich richtigzustellen.

Sprache ist eine Quelle von Missverständnissen, weil man meist davon ausgeht, man werde verstanden – ohne zu überprüfen, ob das zutrifft.

Dies kommt z.B. besonders häufig vor, wenn jemand sehr lange spricht und auf keinen Fall unterbrochen werden darf. Manche solcher Menschen streifen in einem Redebeitrag mühelos fünf bis zehn verschiedene Themen und ich verliere schon nach dem dritten den Überblick. Manchmal kommt es vor, dass ich gerne zu mehreren dieser Themen etwas sagen würde – aber ich kann mir das alles nicht so lange merken, bis der Redner fertig ist. Eigentlich müsste ich mir Notizen machen, aber da ich das nicht tue, wird der Stapel meiner geplanten Anmerkungen so hoch, dass ich aufgebe und höchstens zum letzten Thema noch etwas sage. Und dann redet die Person wieder zehn Minuten pausenlos.

Solche Gespräche verlaufen meist sehr assoziativ (also vom Hölzchen auf’s Stöckchen) und ich erlebe sie meist als unglaublich anstrengend, weil ich so viele Themen nicht behalten kann.
Und dies sind die Situationen, die mein Mann als reinen Selbstausdruck bezeichnet hat.
Denn es handelt sich nicht um eine Strategie, zur Verständigung oder gar Verbindung beizutragen, sondern eher um eine Art Kunstwerk, ähnlich wie bei einem Gemälde oder Lied. Man breitet seine Gedankenwelt aus, findet immer neue Wege und verliert sich vollkommen. Man redet, um zu reden. Man will gesehen und gehört werden. Selbst hören und sehen will man nicht – oder kann nicht.

Ich lasse mich fast immer unterbrechen.

Denn dass der Andere mich unterbricht, ist ein Zeichen, dass er nicht länger zuhören will. Wenn er mich ausreden lässt, ohne dass ihn das Gesagte interessiert, wartet er ja nur, bis ich fertig bin und hört gar nicht mehr zu.

 

Wenn der Unterbrecher selbst sehr lange spricht und mir bereits im ersten Satz das Wort abschneidet, werde ich übrigens auch ärgerlich. Und es kommt häufig vor, dass Menschen, die selbst sehr lange sprechen und nicht unterbrochen werden dürfen, andere sehr wohl unterbrechen.

 

Kommunikation hat oft etwas Kriegerisches – nicht nur wenn man Schimpfworte und Vorwürfe verwendet. Ausreden lassen und Unterbrechen ist wie ein Kampf um Territorium. Wer spricht, drängt dem Anderen seine Welt auf. Häufig geht es nicht um Verständigung, sondern um’s Siegen: “Dem habe ich jetzt aber mal tüchtig die Meinung gesagt!” Super. Und was hat man davon? Ist dadurch irgendwas besser geworden? Meist übrigens nicht. Und wenn jemand das „letzte Wort haben muss“ ist das für den Zuhörer genauso schlimm, als wenn der Andere den letzten Schuss gehabt hätte.

 

Unsere Egos brauchen es dringend, ihre Meinung abzugeben, andere zu belehren, zu diagnostizieren, zu analysieren, Recht zu haben. Es ist das Bedürfnis nach Signifikanz, nach Bedeutsamkeit. „Man wird doch wohl seine Meinung sagen dürfen!“, kann man oft hören. Klar, man darf, aber warum muss man eigentlich?

Wie geht es Ihnen, wenn Sie jemandem etwas erzählen, was Ihnen nahe geht – und Ihr Gegenüber sagt Ihnen, was Sie machen sollen, dass man das auch anders sehen kann, dass Sie sowieso ganz falsch an die Sache heran gegangen sind, oder dass ihm das Gleiche oder etwas viel Schlimmeres auch schon mal passiert ist? Manchmal will man mit einem Schmerz gehört werden. Und wenn dann jemand vor jemandem sitzt, der seine Meinung sagen will, wird man eben nicht gehört. Sondern man hört selbst zu – dem Anderen. Das meine ich mit Krieg. Denn wer spricht, führt.

Stellen Sie sich nochmal vor, Sie erzählen jemandem etwas – und Ihr Gegenüber hält die Klappe, schaut Sie an und nickt, stellt höchstens mal eine Verständnisfrage. Sie hören nicht seine Meinung, Sie werden nicht analysiert, Sie müssen sich keine fremden Geschichten anhören. Wow. Dies öffnet einen großen heiligen Raum, in dem Sie wichtig sind. Ich wünsche Ihnen, dass Sie das mal erleben dürfen.

Dies ist ein Geschenk, denn das Ego des Zuhörers kriegt dann keine Aufmerksamkeit. Schweigen ist Gold – das Gold, das Sie erhalten, damit Sie sprechen dürfen. Der Zuhörer verzichtet auf Anerkennung für seine Klugheit, für seine tollen Tipps, und er stellt sich auch nicht über Sie, weil er Ihnen keinen Rat aufdrängt, wie Sie wieder auf den richtigen Weg kommen. Er ist einfach nur da.

Präsenz ist das größte Geschenk, das man in einem Gespräch erhalten oder geben kann.

 

“Und täglich grüßt das unordentliche Kinderzimmer – meine permanente Zen-Übung”

Die bisher größte Herausforderung meines Lebens sind meine Kinder. Egal, wie sehr mich ein Verhalten von ihnen stört, ich muss das Verhalten immer konfrontieren, denn von Kindern kann man sich ja nicht scheiden lassen. Nicht, dass ich das wollte, aber manchmal gibt es so Momente…*tieferatemzug*

Es gibt einige Lektionen, die sie mich seit Jahren geduldig lehren. Eine davon ist mein Verhältnis zur Ordnung. Meine Vorstellung von Ordnung weicht komplett von ihrer ab.

Da meine Kinder nur selten fernsehen, haben sie viel Zeit, ihr Zimmer zu verwüsten. An vielen Tagen und besonders an den Wochenenden kann man keinen Schritt gehen, ohne auf etwas zu treten. Auf dem Boden befinden sich dann hunderte von Playmobilfiguren und stapelweise Bücher. Außerdem liegen dort auch alle Puppenkleider verstreut.

Giraffensprache hin oder her – ich werde regelmäßig zur Furie. Meine Lieblingsstrategie ist, ihnen die Wäsche nicht mehr zu falten.

Und natürlich habe ich die Situation auch schon oft mit GFK zu lösen versucht, denn im Laufe der Jahre hatte ich ja schon genügend Gelegenheiten. Da aber das Resultat (ein ordentliches Zimmer) von mir vorgegeben war, ist mir das nur selten gelungen. Denn GFK ist ja keine Dog-Obedience-School.

Meine Kinder sind selbst überfordert und wissen nicht, wo sie anfangen sollen – außerdem haben sie keine Lust zum Aufräumen. Das kann ich nachfühlen – ich will’s ja auch nicht machen.

Ich habe schon alle möglichen Strategien ausprobiert:

1. Aufräumspiele – Vorteil: sie machen Spaß. Nachteil: sie dauern eine Ewigkeit und werden bald langweilig.
2. Selbst aufräumen – Vorteil: geht sehr schnell und ist sehr effizient. Nachteil: Hohe Frustration, weil es nur so kurz anhält. Es kamen Gedanken wie „Die lachen sich ins Fäustchen, weil ich so blöd bin, dass ich ihren Scheiß´ alleine wegräume!“
3. Nicht mehr aufräumen und sie in ihrem Dreck verkommen lassen – Hoffnung: sie werden von allein aufräumen, weil es sie so stört. Vorteil: keiner muss etwas tun, was er nicht will. Nachteil: Ich konnte es kaum ertragen, das Zimmer zu betreten. Ich war die ganze Zeit wütend, auch wenn ich das Zimmer nicht betrat. Aber ich musste das Zimmer ja betreten, weil ich die Kinder morgens wecken muss.
4. Alle Spielsachen in den Keller räumen – Hoffnung: es ist weniger Material da, das man durch’s Zimmer werfen kann. Vorteil: keiner. Nachteil: ich muss mehrmals laufen, bis ich das Meiste im Keller habe.

Bis auf die Aufräumspiele sind alle Strategien sehr frustrierend. Ein simples unordentliches Kinderzimmer kann bereits die verschiedensten Gefühle auslösen und zahlreiche Bedürfnisse in Mangel bringen: wenn ich z.B. in vielen Ecken noch Playmo-Zubehör oder Spielfiguren irgendwelcher Brettspiele finde, bin ich hilflos, überfordert, resigniert, verletzt – und natürlich wütend.

Warum fühle ich mich hilflos? Weil ich keine Ahnung habe, wie ich an diesem Zustand etwas ändern kann. Man kann einen Menschen nicht ändern. Ich könnte meine Kinder unter Druck setzen und zwingen und drakonische Strafen androhen, aber das entspricht nicht meinen Werten und wäre auf Dauer auch zu teuer, denn die Beziehung würde darunter leiden. Ich will keinen extrinsischen Gehorsam, sondern eine intrinsische Bereitschaft, aber leider bin ich nicht geduldig genug, zu warten, wann die intrinsische Bereitschaft einsetzt.

Denn von alleine räumen sie nicht auf. Sie haben keine Lust und finden es langweilig. Sie brauchen Leichtigkeit und Anregung. Ordnung lieben sie zwar auch, aber mehr als Endergebnis, nicht so sehr als Motivation zu einer eigenen Handlung. Dem zur Ordnung notwendigen Prozess des Aufräumens wollen sie sich also nicht hingeben.

Das haben wir schon besprochen.

Und was ist mit mir? Ich finde Aufräumen auch nicht superanregend. Aber ich brauche Ordnung dringend, um mich in unserem Haus wohlfühlen zu können.

Also bleibt das Aufräumen an mir hängen. Ich kann entweder Ordnung oder Leichtigkeit haben – nicht beides zugleich. Und deswegen fühle ich mich hilflos.

Resigniert bin ich oft, weil ich keine Strategie weiß, die man dauerhaft installieren kann. Ich habe schon so viel versucht und habe noch nichts gefunden, was für uns alle gut ist.

Verletzt bin ich oft, weil ich die Tatsache, dass so viele Sachen herum liegen, als Missachtung meiner Persönlichkeit empfinde: mir kommen dann Gedanken wie „Wir kaufen das ganze Zeug und ihr gebt nicht mal darauf Acht!“, „Wenn euch die Sachen ja nicht wichtig sind, brauchen wir euch auch nichts mehr zum Geburtstag zu kaufen!“ Diese Situationen wirken sich auch auf meine Bereitschaft auf, meinen Kindern vom Einkaufen etwas mitzubringen. Ich sehe die Schubladen vor mir, in denen alles ungeordnet durcheinander liegt und denke, „warum soll ich Geld ausgeben, damit dort noch ein weiterer Gegenstand herumliegt, den sie nach einem Tag ohnehin nicht mehr benutzen?“

Und ich beobachte an mir, wie ich ihnen dieses Verhalten übelnehme. Ich nehme ihnen übel, dass sie ständig etwas haben wollen. Ich nehme ihnen übel, dass sie mit den Sachen, die sie bereits haben, nicht spielen. Ich nehme ihnen übel, dass sie die Sachen, die sie haben und mit denen sie nicht spielen, so achtlos behandeln. Ich verurteile sie dafür und ich koche vor Wut. Und der Zorn, der da hochschießt, hat eine solche Wucht, dass mir vollkommen klar ist, dass er nichts mit ihnen zu tun haben kann.

Eines Tages, als ich diesen Zorn wieder einmal hatte und einen dicken Kloß in meiner Brust fühlte, ließ ich ihn hochkommen. Er kam als Weinen aus mir heraus. Ich weinte bitterlich, weil ich sah, wie ich meine Kinder dafür ablehnte, wie sie waren, und weil ich sie nicht ablehnen wollte. Und weil ich so besessen bin von meiner Vorstellung, wie Ordnung sein sollte, und weil mich diese Vorstellung so beherrscht, dass ich mein Leben manchmal nicht genießen kann.

Und heute hatte ich plötzlich eine Erkenntnis.

Ich war gerade dabei, meinem Mann zu erklären, dass es für mich so schwierig sei, mit Menschen zusammenzuleben, auf deren Verhalten ich so wenig Einfluss hätte, als es in mir „Stopp!“ rief. Und auf einmal traf mich die Erkenntnis wie ein Schlag mit einem Baseballschläger, dass ich sehr wohl Einfluss darauf habe. Ich erschaffe mir meine Kinder und ihre Kinderzimmer so, wie sie sind. Ich erschaffe die Unordnung. Meine Kinder tun das für mich – auf der Seelenebene. Die Unordnung ist da, damit ich sie umarme. Und es gibt äußerlich keine perfekte Strategie, damit umzugehen, sie etwa zu vermeiden. Ich kann mit der Unordnung umgehen, wie ich will, es ist völlig egal.

Ich kann aufräumen, oder ich kann es lassen. Hauptsache, ich erkenne, dass ich sie erschaffen habe.

Und auf einmal erkannte ich (wieder einmal), dass wirklich alles völlig wertneutral ist.

Meine Kinder denken eben nicht „Die Alte räumt schon auf, wenn wir nur lange genug warten.“ Tatsächlich habe ich keine Ahnung, welche Schlussfolgerungen sie eigentlich aus meinem Verhalten ziehen. Ich war ja schließlich als Kind auch sehr unordentlich und bin es jetzt nicht mehr.

Und ich fühlte mich plötzlich leichter und musste lachen.

Dies ist ein Ausschnitt aus meinem Buch, das ich noch nicht fertig geschrieben habe. Dieser Ausschnitt ist schon einige Jahre alt, das sieht man an den Beispielen, die ich heranziehe.

„Das ist unhöflich!“ – Die Tücken der Höflichkeit

Im Rahmen der Erziehung meiner Kinder komme ich immer wieder in Konflikt mit dem Thema Höflichkeit: z.B. wenn ich nicht will, dass jemand meine Kinder für schlecht erzogen hält. Wenn z.B. die Nachbarn gerade Kuchen essen und meine Kinder laufen in ihren Garten und fragen, ob sie ein Stück haben dürfen. Natürlich habe ich nichts dagegen, wenn sie Kuchen erhalten. Aber ich bin besorgt, wie es den Nachbarn damit geht. Würden sie Nein sagen, wenn sie ihnen keinen geben wollen? Oder erwarten sie von mir, dass ich sie gar nicht in diese Lage bringe, indem ich meinen Kindern einschärfe, dass man nicht „bettelt“? Und denken sie nun vielleicht, dass ich meine Kinder schlecht erzogen habe, weil sie noch nicht diese innere Sperre haben, welche bei den meisten Erwachsenen vorhanden ist?

Wenn meine Kinder „unhöflich“ sind, fällt dies auf mich zurück: ich bin es, die etwas falsch gemacht hat. Und auch wenn ich weiß, dass das nur Konvention ist, fürchtet sich ein Teil von mir davor, etwas „falsch“ zu machen, denn dann will vielleicht keiner mehr etwas mit mir zu tun haben. Dann gehöre ich nicht mehr dazu.

Um dieses Problem zu lösen, habe ich sehr genau beobachtet, was das eigentlich ist – „höflich“, wie es dazu kommt, dass man jemanden unhöflich findet, wie man damit umgeht, wenn man jemanden als unhöflich bewertet und wie sich das auf die Beziehung auswirkt.

Höflichkeit ist kein Bedürfnis, sondern ein Wert. Und dieser Wert ist extrem kulturabhängig. Die Höflichkeitsmaßstäbe sind nicht nur von Kultur zu Kultur unterschiedlich, sondern sogar innerhalb von Familiensystemen.

Als ich in meiner Übungsgruppe gefragt habe, was Höflichkeit bedeutet und was sie unter höflichem Verhalten verstehen, erhielt ich sehr verschiedene Antworten. Für manche bedeutete es, dem Anderen die Tür aufzuhalten, in den Mantel zu helfen, einander die Hand zu geben. Für andere bedeutete es, seine schlechte Laune nicht an Anderen auszulassen und allgemein immer freundlich zu sein. Für wieder andere bedeutete es, hilfsbereit zu sein. Und für weitere Andere bedeutete es, ein Nein freundlich zu verpacken. Natürlich gab es auch Überschneidungen.

Das Schwierige am Wert Höflichkeit ist also, dass zwar jeder etwas Anderes darunter versteht, dass aber jeder denkt, die eigenen Höflichkeitsmaßstäbe sind allgemeingültig. Wenn man sich Mühe gibt, höflich zu sein, bedient man die Bedürfnisse Zugehörigkeit, Beitragleisten, Akzeptanz bzw. Liebe: Wir verhalten uns auf eine bestimmte Weise, die wir von unseren Eltern oder Großeltern gelernt haben. Oft war dieses Lernen mit Schmerzen verbunden – wenn wir uns anders verhalten haben, wurde uns (zumindest kurz) die Zugehörigkeit oder Liebe entzogen. Wir wurden schuldig, hatten die entsprechenden Schuldgefühle, erhielten die Verantwortung für die Gefühle Anderer übertragen („Wegen dir ist die Mama jetzt traurig!“).
Verhielten wir uns hingegen so, wie die Erziehungspersonen es erwartet haben, gehörten wir dazu, wurden geliebt, vielleicht sogar gelobt – oder zumindest nicht getadelt.
Da das Leben eines Kindes davon abhängt, dazuzugehören, haben wir gelernt, uns auf dem schmalen Grat des sozial anerkannten Verhaltens zu bewegen.
Wir waren brav.
Und wenn Erwachsene brav sind, nennt man das höflich.

Das Problem ist, dass man sich noch so sehr anstrengen kann, höflich zu sein, man kann es doch nicht allen recht machen. Denn wie ich oben schon ausgeführt habe, hat nicht nur jede Kultur verschiedene Höflichkeitsmaßstäbe, sondern sogar schon jede Familie:

Bsp.:
Für Familie Schmidt mag es höflich sein, von sich zu erzählen – und keine Fragen zu stellen. Man fragt einander nicht aus, sondern wartet, bis jemand von selbst zu sprechen beginnt. Einander den Raum zu geben, sich mitzuteilen, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist, wird als höflich betrachtet.
In Familie Schulz ist es genau andersherum: Man wartet, bis man gefragt wird. Ungefragt erzählt man nichts von sich. Wenn man gefragt wird, weiß man, dass der Andere es wirklich wissen will. Einander nicht mit Geschichten zu behelligen, die der Andere nicht abgefragt hat, wird als höflich betrachtet.

Wenn sich Hermine Schmidt und Susanne Schulz kennenlernen, werden sie einander unweigerlich als unhöflich erleben: Hermine wird von sich erzählen und sich nichts dabei denken. Sie wird sich wundern, warum Susanne nie von sich spricht. Vielleicht wird sie Susanne sogar für verstockt oder verschlossen halten.
Susanne hingegen wird ärgerlich sein, warum Hermine nie fragt, wie es ihr geht. Sie wird sie vermutlich ins Unrecht setzen, weil Hermine immer nur von sich spricht und ihr, Susanne, keinen Raum gibt. Sie wird denken, Hermine interessiere sich nicht für sie.
Hermine wird zunehmend unsicher werden, weil sie doch „alles richtig macht“ und dennoch spürt, dass Susanne beleidigt ist. Vielleicht wird sie Susanne „komisch“ finden. Susanne ihrerseits wird vielleicht denken, dass Hermine sich ständig in den Mittelpunkt stellen will.
Je nach dem, wie bewusst und reflektiert die beiden sind, werden sie entweder herausfinden, woran ihre Differenzen liegen – oder sie werden den Kontakt abbrechen.

Für mich bedeutet Höflichkeit immer, dass jemand nicht authentisch ist. Denn für die meisten Menschen ist es so, dass sie sich schon dann „richtig“ verhalten, bevor sie Kontakt zu ihren eigenen Gefühlen aufgenommen haben: Man sagt so schnell „Ja“, dass man noch gar keine Zeit hatte, das innere „Nein“ zu spüren.

Dies hat zwei Nachteile: erstens handelt man inauthentisch, weil man das innere „Nein“ zugunsten eines höflichen „Ja“ übergangen hat. Da man dieses inauthentische Ja zumindest unbewusst als Opfer empfindet, erwartet man zweitens, dass der Andere sich ebenso verhält. Man denkt: „wenn ich sofort Ja sage, muss der Andere das auch machen, denn das ist höflich, und alles andere wäre ungerecht“. Wenn der Andere das aber nicht sagt, weil er z.B. andere Höflichkeitsparameter hat, wird er vom Ersten ins Unrecht gesetzt.

Ich gebe zu, ich stehe mit dem Wert Höflichkeit ziemlich auf Kriegsfuß.
Dies liegt zum einen daran, dass mir immer bewusst ist, dass ich einfach nicht genügend Informationen habe, um mich mit Menschen, die ich nicht gut kenne, so verhalten zu können, dass sie es als höflich empfinden. Aber auch mit Menschen, die ich besser kenne, gerate ich oft in das Dilemma, mich entweder für Harmonie bzw. eine gute Grundstimmung oder für Authentizität entscheiden zu müssen. Wie ich diese beiden Bedürfnisse grundsätzlich unter einen Hut bekommen kann, habe ich noch nicht herausgefunden.

Wie sich Höflichkeit für mich darstellt:

1. Umso mehr Höflichkeit, umso weniger Nähe.
In meiner Ursprungsfamilie und in meiner aktuellen Familie möchte ich so sein dürfen, wie ich bin. Ich erwarte, dass auch Konflikte die Beziehung nicht so nachhaltig stören, dass sie zerbricht. Enge Beziehungen auch mal strapazieren zu können, ist für mich ein Zeichen für große Nähe und Vertrauen. Dies gilt auch für enge Freunde. Wenn ich in solchen Beziehungen Höflichkeit erlebe, bin ich irritiert und fast traurig, weil ich den Anspruch habe, dass das nicht nötig ist.

Der Bäckersfrau, den Nachbarn oder gar Fremden gegenüber bin ich jedoch sehr höflich, schneide keine persönlichen Themen an und gehe nicht über Smalltalk hinaus. Ich erwarte nicht, dass ich die Beziehung strapazieren kann. Wenn jemand ein Anliegen an mich heranträgt, das ich nicht erfüllen möchte, bemühe ich mich sehr, mein Nein so zu verpacken, dass er es gut nehmen kann.

2. Höflichkeit wächst auf einem anderen Boden als Freundlichkeit
Höflichkeit wächst auf dem Boden des „Richtigmachens“ – man könnte auch sagen, man ist brav, denn man verhält sich anders als einem zumute ist. Man ist z.B. auch zu Menschen höflich, die man gar nicht mag. Damit man sie nicht verletzt. Und die Motivation, den Anderen nicht zu verletzen, ist vor allem, nicht schuldig an seinem Schmerz zu sein.

Und höfliches Handeln ist oft ritualisiert: Manche Menschen hassen es z.B. offensichtlich, jemandem die Hand zu geben. Man merkt dies daran, dass die Hand entweder wie ein toter Fisch in der eigenen Hand liegt, oder daran, dass sie den handgebenden Arm bogenförmig vom Körper abspreizen. Er wirkt wie ein Bollwerk und soll eigentlich nur Abstand herstellen.

Und wenn ein Mann einer Frau die Tür aufhält, tut er dies oft nicht, weil er daran zweifelt, dass sie es selbst kann, und auch nicht, weil die Tür so schwer ist. Vielleicht tut er es nicht einmal, weil er der Frau etwas Gutes tun will, sondern nur, weil er mit seinen guten Manieren punkten will. In der Regel tut er es also für sich.

Noch ein Beispiel aus dem Bereich Tischmanieren: Meine Tochter Amanda hält Gabel und Löffel immer noch mit der (lockeren) Faust statt zwischen Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger. Mir ist bekannt, dass irgendwo im Knigge steht, dass man den Löffel anders halten muss. Aber wieso eigentlich? Wieso ist das eine richtiger als das andere? Wenn sie es jetzt anders macht, dann nur, weil „man es anders macht“. Um dazuzugehören. Nicht, weil es praktischer ist.

Freundlichkeit ist anders:
Wenn ich mich freundlich verhalte, tue ich dies aus der Freiheit heraus, mich auch anders verhalten zu dürfen:
Nur wenn ich die reale Wahl habe, auch unfreundlich zu sein, kann ich überhaupt wirklich freundlich sein. Dann halte ich die Tür auf, damit der alte Mann es mit seinem Stock nicht so mühsam hat – und nicht, damit mich niemand missbilligend anschaut. Dann stehe ich im Bus auf, weil ich sehe, dass die alte Frau kaum auf ihren Beinen stehen kann.
Die Motivation ist dann nicht, „richtig“ sein zu wollen. Sie liegt darin, das Leben eines Anderen zu verschönern, einen Beitrag zu leisten.
Und wenn ich versuche, niemanden durch mein Verhalten zu verletzen, dann nicht, weil ich Angst davor habe, schuld an seiner Verletztheit zu sein, sondern aus Mitgefühl und Verständnis. Und falls ich durch mein Verhalten beim Anderen tatsächlich Schmerz ausgelöst habe, dann kann ich dies tief bedauern – ohne mich schuldig zu fühlen.

3. Höflichkeit ist meist ein Handel
Mit meiner Mutter – die ich sehr liebe! – erlebe ich oft, dass sie mir am Telefon erzählt, was sie im Restaurant gegessen hat, dass sie sich Tulpen gekauft hat, um den Frühling zu begrüßen oder in welchen Geschäften sie war, um ein bestimmtes Geschenk für meine Kinder zu kaufen.
Meine Mutter ist 60 und durchaus zu tieferen Gesprächen in der Lage. Wäre sie hingegen schon 80, würde ich mir das alles klaglos anhören, weil ich dann vermuten würde, dass sie schon ein wenig abbaut.
Da ich eine sehr gute und offene Beziehung zu meiner Mutter habe, sage ich ihr oft, wenn mich ein Thema nicht interessiert. Sie ist dann meist ein bißchen beleidigt und hält mir vor, sie würde sich doch auch anhören, was ich erzählen würde, daher solle ich mir jetzt auch anhören, was sie erzählen wolle.
Mit anderen Worten: sie lässt mich reden, obwohl mein Thema sie nicht interessiert – aus Höflichkeit. Und als Gegenleistung erwartet sie, dass ich sie nun auch reden lasse.

Ich habe schon oft mit ihr darüber gesprochen, dass ich nicht will, dass sie sich etwas anhört, das sie nicht interessiert. Es geht mir nicht darum, um jeden Preis sprechen zu dürfen. Ich will etwas nur dann erzählen, wenn es mein Gegenüber interessiert, weil ich Verbindung herstellen will. Wenn das nicht möglich ist, spreche ich lieber gar nicht.

Und ich will auch selbst nicht Geschichten hören, die mich nicht interessieren. Natürlich bin ich sehr interessiert, etwas von meiner Mutter erfahren: wie es ihr geht, was sie fühlt und so weiter. Aber es interessiert mich nicht, ob sie beim Italiener eine Pizza oder eine Lasagne gegessen hat, und mein Leben ist auch nicht durch die Information bereichert, dass sie jetzt Tulpen auf dem Tisch stehen hat.
Jedes Mal, wenn ich es ihr so erkläre, ist sie wieder besänftigt. Bis zum nächsten Mal…

4. Höflichkeit kann echte Verbindung verhindern
Es kommt oft vor, dass man mit Menschen spricht, die entweder allgemein viel reden, oder sie sprechen über Themen, die uns nicht interessieren. Wenn man unbedingt höflich sein will, hat man zwei Möglichkeiten, mit solchen Situationen umzugehen:

a) Man redet sich raus: Die Milch läuft über, ich muss auf´s Klo, es klingelt etc.
Das ist elegant, kostet nichts – ist aber leider nicht ehrlich. Wenn man mit der Person öfter spricht, könnte es sein, dass sie sich über den hohen Milchkonsum wundert oder einen zum Urologen schickt, weil es doch nicht gesund sein kann, so oft pinkeln zu müssen.

b) Man traut sich nicht, zu sagen, dass das Thema einen nicht interessiert, weil man Angst hat, der Andere könnte sich ärgern oder verletzt reagieren. Man will nicht unhöflich sein. Man hört also weiterhin tapfer zu und streut nur manchmal ein „M-hm“ ein. Der Andere wird ja hoffentlich irgendwann mal merken, dass er zu viel redet.
Dies ist ein Machtspiel. Denn ab einem bestimmten Zeitpunkt wird der höfliche Zuhörer ärgerlich, dass der Sprecher nicht zu reden aufhört („Man muss doch irgendwann mal merken, dass es zuviel ist!“). Weil der höfliche Zuhörer Angst hatte, dass der Sprecher ärgerlich auf ihn werden könnte, hat er lieber weiter zugehört. Ihm ist es lieber, selbst ärgerlich auf den Sprecher zu sein und diesen für seine Unhöflichkeit ins Unrecht zu setzen, anstatt zu riskieren, selbst als unhöflich zu gelten. Und das ist das Machtspiel.
Eine gute Verbindung haben die beiden nicht – sie ist in dem Moment verschwunden, als der Zuhörer eigentlich nicht mehr zuhören wollte, dies aber nicht gesagt hat. Der Zuhörer hat aber den Vorteil, dass er zumindest weiß, dass die Verbindung abgebrochen ist. Der Sprecher spricht vielleicht noch eine Weile weiter, bis er dies bemerkt. Und spricht so lange ins Leere.

5. Umso strenger man erzogen wurde, umso höflicher müssen die Anderen sein
Wenn man in der Kindheit sehr „brav“ sein musste, hat man viel von seiner Lebendigkeit abgeschnitten. Die Eltern, Großeltern, Tanten und Onkel haben einen schmalen Pfad an tolerierten Verhaltensweisen vorgegeben, und wahrscheinlich auch statische Sätze verwendet wie „Du bist aber ein böser Junge!“, „Sei brav!“, „Sei nicht so egoistisch!“ etc.
Wenn man sich sehr viel Mühe gegeben hat, ein gutes Mädchen oder ein guter Junge zu sein, erwartet man nicht nur, für sein Bravsein (das später Höflichkeit heißt) selbst Anerkennung zu bekommen. Man erwartet auch automatisch, dass die Anderen sich ebenso verhalten: wenn sich jeder verhalten könnte wie er wollte, ohne die Zugehörigkeit und die Liebe zu verlieren, wäre die ganze Anstrengung, immer brav zu sein, völlig umsonst gewesen. Dann wäre es auch umsonst gewesen, dass man sich von seinen eigenen Gefühlen und Bedürfnissen abgeschnitten hat.

Und ganz aktuell habe ich herausgefunden, warum es so sinnvoll ist, wenn Kinder einen Erwachsenen so lange triezen, bis er aus der Haut fährt: nur so können sie erkennen, wo seine Haut ist (um im Bild zu bleiben). Wann jemand schreit, ist sowas wie ein Grenzstein für’s Gegenüber: “Aha, da ist also seine Komfortzone zu Ende”.
Blöd nur, wenn man gelernt hat, nicht unfreundlich sein zu dürfen – dann latschen die Anderen (z.B. ich) blind überf alle Grenzen, und der arme Freundliche weiß sich nicht mehr zu helfen: “Die müsste doch merken, dass man das nicht macht!”

Mit dem Schmerz des Anderen umgehen, den ich verursacht habe :-(

Schon lange wollte ich einen Artikel zum Thema “Einfühlsame Kommunikation” schreiben, und es war mir fast peinlich, dass ich Monate nach dem Entstehen dieses Blogs noch keinen geschrieben hatte. Aber heute, am Sonntag, ist mir etwas passiert, das es wert ist, aufgeschrieben zu werden, weil es – besonders für Eltern – hilfreich sein könnte:

Meine Tochter Lina hat sich zum Geburtstag Reitstunden gewünscht, und wir haben ihr auch welche geschenkt. Den Reitstunden sind Longierstunden vorgeschaltet, in denen man lernt, das Pferd zu “bedienen”, also zu bremsen, Gas zu geben und die Richtung zu wechseln. ;-) Heute um 12:30 war so eine Longierstunde. Wir sind um 12 Uhr losgefahren – eigentlich genug Zeit – wir würden das schon finden. “Haardtwald” gab ich in den Navi ein und er spuckte mir eine “Haardtwaldstraße” aus. “Das wird es sein”, dachte ich. Extra in mein Büro zu gehen und den PC anzuschalten, erschien mir überflüssig.

Um es kurz zu machen: Der Reiterhof war nicht in der Haardtwaldstraße. Dort gab es zwar einen Reiterhof, aber es war der falsche. Wir verloren wertvolle Minuten, dies herauszufinden. Man sagte uns die richtige Adresse: “Amalienschneise”. Es stellte sich heraus, dass man nochmal 15 Minuten fahren musste, um dorthin zu gelangen. Das Unheil zeichnete sich ab, aber Lina war noch ahnungslos.

Als wir dort waren, verfestigte sich meine dunkle Ahnung zur Gewissheit: wir waren zu spät, unser Zeitfenster war geschlossen. Umsonst hingefahren. Ich musste die “Stunde” (eigentlich waren es nur 20 Minuten) natürlich bezahlen, und wir erhielten für nächsten Donnerstag einen neuen Termin.

Nochmal vier Tage warten. Vier Tage sind gefühlte vier Minuten, wenn man dann zum Zahnarzt muss, aber sie fühlen sich an wie vier Wochen, wenn man unbedingt reiten will.
Lina weinte bitterlich. Lange. Ich konnte es fast nicht aushalten. Die üblichen Floskeln zogen durch meinen Verstand, boten sich an, ausgesprochen zu werden: “Ach komm, sei nicht traurig, es sind doch nur vier Tage!”. “Nein”, antwortete ich den Floskeln dankend, “das sage ich jetzt nicht”. Ich hielt Lina im Arm. Ich sagte: “Was für eine Scheiße, oder? Jetzt hast du dich so doll gefreut!” Mehr Tränen. Ich litt mit – wegen ihr und wegen mir, denn ich wusste ja, dass ich die Adresse hätte sorgfältig aufschreiben können, und dann wäre das vermeidbar gewesen. “Es tut mir so leid”, sagte ich. Sonst sagte ich nicht viel, denn alles, was mir einfiel, hätte nicht ihr gedient, sondern mir. Ich ertrug ihren Schmerz, und ich war präsent in tiefem Bedauern. Immer noch Tränen – sie war sooo traurig. Wütend auf mich war sie seltsamerweise nicht, das bestätigte sie mir, als ich sie fragte. “Ich könnte es verstehen, wenn du wütend wärest”, sagte ich. Sie war aber nur traurig, und in mir tauchte die Frage auf, ob es dadurch schlimmer oder besser wurde. Aber ich beantwortete mir die Frage nicht – ist ja auch egal, dachte ich mir.

Ich beobachtete meine Mechanismen, dem Schmerz auszuweichen – und ein Teil von mir wollte ihr sagen, dass es viel schlimmer ist, jemandem weh zu tun als derjenige zu sein, dem weh getan worden ist. Aber auch das – so erkannte ich – wäre eine Art Wettstreit gewesen, wem es schlechter geht. Auch das hätte die Präsenz von ihr abgezogen. Meine innere Zensur war sehr streng, fast nichts hielt ihr stand, denn fast alles, was ich hätte sagen können bzw. wollen, hätte nur mein Ego gestärkt und ihre Traurigkeit verharmlost. Also hielt ich die Klappe. Und litt mit.

Nach relativ kurzer Zeit hörte sie auf zu weinen. Sie bestätigte mir, dass es gut gewesen wäre, dass ich einfach ruhig gewesen wäre und sie nicht getröstet hätte.

Das ist Empathie. Und manchmal kann sie schwer sein. Wenn man ursächlich ist für einen Schaden, der einer anderen Person entstanden ist, kommen leicht Schuldgefühle auf. Wenn man sich aber schuldig fühlt, kann man nicht mehr empathisch sein. Man ist dann in seinem eigenen Film, und das zieht die Aufmerksamkeit vom Anderen ab. Wenn man die Schuldgefühle nicht haben will, kann es passieren, dass man die Situation herunterspielt (“Ach komm schon, so schlimm ist es jetzt auch wieder nicht!”). Auch das zieht die Aufmerksamkeit vom Anderen ab.
Der Andere darf nicht leiden, damit ich mich nicht schuldig fühle.
Ich danke Gott, dass ich der Versuchung nicht erlegen bin. Tatsächlich habe ich mich nicht schuldig gefühlt. Ich litt wie ein Schwein, weil ich wusste, dass ich dafür verantwortlich war, dass wir nicht rechtzeitig dagewesen waren, aber schuldig fühlte ich mich nicht. Dadurch war Platz für tiefes Bedauern.

Auf der Rückfahrt sann ich darüber nach, was es ist, das andere Menschen davon abhält, den Schmerz eines Anderen in Präsenz auszuhalten. Ich hatte die Einsicht, dass es Angst ist: die meisten Menschen fürchten sich vor Schmerz – vor ihrem eigenen und dadurch auch vor dem Schmerz Anderer. Wenn man nicht vollkommen durch Schmerz durchgegangen ist, ist er so unberechenbar wie ein unbekannter See – wer weiß, wie tief er ist und wie viele Autowracks oder abgestürzte Sportflugzeuge sich dort unten verbergen? Lieber am Ufer bleiben – oder höchstens mit einem Boot drüberfahren. Nicht reingehen. Wir sind es gewohnt, dem Schmerz auszuweichen, vor ihm wegzurennen. Als wir Kinder waren, hat uns das mal das Überleben gesichert. Es fühlte sich an, als ob wir sterben müssten, wenn wir uns ihm hingeben würden.
Aber wenn wir auch als Erwachsene vor Schmerz davonlaufen, führt es dazu, dass wir unser gesamtes Leben nur im lauwarmen Bereich leben. Mit dem Schmerz schneiden wir auch die tiefe Freude ab. Daher sind so viele Menschen lieber im Verstand. Denken ist sicherer und tut nicht weh.

“Das Ziel im Leben ist es, all unser Lachen zu lachen und all unsere Tränen zu weinen. Was auch immer sich uns offenbart, es ist das Leben, das sich darin zeigt, und es ist immer ein Geschenk, sich damit zu verbinden.”

M. B. Rosenberg

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