Die bisher größte Herausforderung meines Lebens sind meine Kinder. Egal, wie sehr mich ein Verhalten von ihnen stört, ich muss das Verhalten immer konfrontieren, denn von Kindern kann man sich ja nicht scheiden lassen. Nicht, dass ich das wollte, aber manchmal gibt es so Momente…*tieferatemzug*
Es gibt einige Lektionen, die sie mich seit Jahren geduldig lehren. Eine davon ist mein Verhältnis zur Ordnung. Meine Vorstellung von Ordnung weicht komplett von ihrer ab.
Da meine Kinder nur selten fernsehen, haben sie viel Zeit, ihr Zimmer zu verwüsten. An vielen Tagen und besonders an den Wochenenden kann man keinen Schritt gehen, ohne auf etwas zu treten. Auf dem Boden befinden sich dann hunderte von Playmobilfiguren und stapelweise Bücher. Außerdem liegen dort auch alle Puppenkleider verstreut.
Giraffensprache hin oder her – ich werde regelmäßig zur Furie. Meine Lieblingsstrategie ist, ihnen die Wäsche nicht mehr zu falten.
Und natürlich habe ich die Situation auch schon oft mit GFK zu lösen versucht, denn im Laufe der Jahre hatte ich ja schon genügend Gelegenheiten. Da aber das Resultat (ein ordentliches Zimmer) von mir vorgegeben war, ist mir das nur selten gelungen. Denn GFK ist ja keine Dog-Obedience-School.
Meine Kinder sind selbst überfordert und wissen nicht, wo sie anfangen sollen – außerdem haben sie keine Lust zum Aufräumen. Das kann ich nachfühlen - ich will’s ja auch nicht machen.
Ich habe schon alle möglichen Strategien ausprobiert:
1. Aufräumspiele – Vorteil: sie machen Spaß. Nachteil: sie dauern eine Ewigkeit und werden bald langweilig.
2. Selbst aufräumen – Vorteil: geht sehr schnell und ist sehr effizient. Nachteil: Hohe Frustration, weil es nur so kurz anhält. Es kamen Gedanken wie „Die lachen sich ins Fäustchen, weil ich so blöd bin, dass ich ihren Scheiß´ alleine wegräume!“
3. Nicht mehr aufräumen und sie in ihrem Dreck verkommen lassen – Hoffnung: sie werden von allein aufräumen, weil es sie so stört. Vorteil: keiner muss etwas tun, was er nicht will. Nachteil: Ich konnte es kaum ertragen, das Zimmer zu betreten. Ich war die ganze Zeit wütend, auch wenn ich das Zimmer nicht betrat. Aber ich musste das Zimmer ja betreten, weil ich die Kinder morgens wecken muss.
4. Alle Spielsachen in den Keller räumen - Hoffnung: es ist weniger Material da, das man durch’s Zimmer werfen kann. Vorteil: keiner. Nachteil: ich muss mehrmals laufen, bis ich das Meiste im Keller habe.
Bis auf die Aufräumspiele sind alle Strategien sehr frustrierend. Ein simples unordentliches Kinderzimmer kann bereits die verschiedensten Gefühle auslösen und zahlreiche Bedürfnisse in Mangel bringen: wenn ich z.B. in vielen Ecken noch Playmo-Zubehör oder Spielfiguren irgendwelcher Brettspiele finde, bin ich hilflos, überfordert, resigniert, verletzt - und natürlich wütend.
Warum fühle ich mich hilflos? Weil ich keine Ahnung habe, wie ich an diesem Zustand etwas ändern kann. Man kann einen Menschen nicht ändern. Ich könnte meine Kinder unter Druck setzen und zwingen und drakonische Strafen androhen, aber das entspricht nicht meinen Werten und wäre auf Dauer auch zu teuer, denn die Beziehung würde darunter leiden. Ich will keinen extrinsischen Gehorsam, sondern eine intrinsische Bereitschaft, aber leider bin ich nicht geduldig genug, zu warten, wann die intrinsische Bereitschaft einsetzt.
Denn von alleine räumen sie nicht auf. Sie haben keine Lust und finden es langweilig. Sie brauchen Leichtigkeit und Anregung. Ordnung lieben sie zwar auch, aber mehr als Endergebnis, nicht so sehr als Motivation zu einer eigenen Handlung. Dem zur Ordnung notwendigen Prozess des Aufräumens wollen sie sich also nicht hingeben.
Das haben wir schon besprochen.
Und was ist mit mir? Ich finde Aufräumen auch nicht superanregend. Aber ich brauche Ordnung dringend, um mich in unserem Haus wohlfühlen zu können.
Also bleibt das Aufräumen an mir hängen. Ich kann entweder Ordnung oder Leichtigkeit haben - nicht beides zugleich. Und deswegen fühle ich mich hilflos.
Resigniert bin ich oft, weil ich keine Strategie weiß, die man dauerhaft installieren kann. Ich habe schon so viel versucht und habe noch nichts gefunden, was für uns alle gut ist.
Verletzt bin ich oft, weil ich die Tatsache, dass so viele Sachen herum liegen, als Missachtung meiner Persönlichkeit empfinde: mir kommen dann Gedanken wie „Wir kaufen das ganze Zeug und ihr gebt nicht mal darauf Acht!“, „Wenn euch die Sachen ja nicht wichtig sind, brauchen wir euch auch nichts mehr zum Geburtstag zu kaufen!“ Diese Situationen wirken sich auch auf meine Bereitschaft auf, meinen Kindern vom Einkaufen etwas mitzubringen. Ich sehe die Schubladen vor mir, in denen alles ungeordnet durcheinander liegt und denke, „warum soll ich Geld ausgeben, damit dort noch ein weiterer Gegenstand herumliegt, den sie nach einem Tag ohnehin nicht mehr benutzen?“
Und ich beobachte an mir, wie ich ihnen dieses Verhalten übelnehme. Ich nehme ihnen übel, dass sie ständig etwas haben wollen. Ich nehme ihnen übel, dass sie mit den Sachen, die sie bereits haben, nicht spielen. Ich nehme ihnen übel, dass sie die Sachen, die sie haben und mit denen sie nicht spielen, so achtlos behandeln. Ich verurteile sie dafür und ich koche vor Wut. Und der Zorn, der da hochschießt, hat eine solche Wucht, dass mir vollkommen klar ist, dass er nichts mit ihnen zu tun haben kann.
Eines Tages, als ich diesen Zorn wieder einmal hatte und einen dicken Kloß in meiner Brust fühlte, ließ ich ihn hochkommen. Er kam als Weinen aus mir heraus. Ich weinte bitterlich, weil ich sah, wie ich meine Kinder dafür ablehnte, wie sie waren, und weil ich sie nicht ablehnen wollte. Und weil ich so besessen bin von meiner Vorstellung, wie Ordnung sein sollte, und weil mich diese Vorstellung so beherrscht, dass ich mein Leben manchmal nicht genießen kann.
Und heute hatte ich plötzlich eine Erkenntnis.
Ich war gerade dabei, meinem Mann zu erklären, dass es für mich so schwierig sei, mit Menschen zusammenzuleben, auf deren Verhalten ich so wenig Einfluss hätte, als es in mir „Stopp!“ rief. Und auf einmal traf mich die Erkenntnis wie ein Schlag mit einem Baseballschläger, dass ich sehr wohl Einfluss darauf habe. Ich erschaffe mir meine Kinder und ihre Kinderzimmer so, wie sie sind. Ich erschaffe die Unordnung. Meine Kinder tun das für mich – auf der Seelenebene. Die Unordnung ist da, damit ich sie umarme. Und es gibt äußerlich keine perfekte Strategie, damit umzugehen, sie etwa zu vermeiden. Ich kann mit der Unordnung umgehen, wie ich will, es ist völlig egal.
Ich kann aufräumen, oder ich kann es lassen. Hauptsache, ich erkenne, dass ich sie erschaffen habe.
Und auf einmal erkannte ich (wieder einmal), dass wirklich alles völlig wertneutral ist.
Meine Kinder denken eben nicht „Die Alte räumt schon auf, wenn wir nur lange genug warten.“ Tatsächlich habe ich keine Ahnung, welche Schlussfolgerungen sie eigentlich aus meinem Verhalten ziehen. Ich war ja schließlich als Kind auch sehr unordentlich und bin es jetzt nicht mehr.
Und ich fühlte mich plötzlich leichter und musste lachen.