Oft muss ich beim Texten gar nicht texten, sondern erstmal Müll entsorgen. Denn die meisten Texte strotzen vor überflüssigen Worten, meist sind es Substantive. “Diese Methode bewirkt eine Entspannung in Ihrem Körper.” Warum bewirkt? Warum darf sie den Körper nicht einfach entspannen? Mein Körper wäre viel entspannter, wenn er sich entspannen dürfte, anstatt dass eine Entspannung bewirkt wird.
Verben scheinen einen ungebildeten Eindruck zu machen. Nur Substantive sind klug. Fast alle Texte, die ich überarbeiten soll, enthalten daher zu wenige Verben. Erinnert mich ein bißchen an die rechte Spur auf der Autobahn, auf der man nicht fahren kann, ohne direkt seine Autofahrer-Würde einzubüßen. Versteh’ ich auch nie. Aber zurück zum Thema:
Die wenigen Verben, die der Autor gnädigerweise benutzt hat, sind die in der Überschrift genannten. Und dabei wimmeln die meisten Texte vor Worten, die man mühelos in Verben umwandeln kann: Entspannung, Anspannung, Gewährleistung, Manifestation, Vermutung usw.
Die Welt braucht Verben! Sie bringen das Leben in den Text! Substantive stehen wie bewegungslose Statisten auf der Bühne herum. Erst die Verben bringen die Action - aber natürlich nur, wenn es nicht solche Nullnummern sind wie bewirken, führen oder sein: “Dies führt zu einer Reduzierung der Blablabla.” “Dies stellt eine Reduzierung der Blablabla dar.” “Dies bewirkt eine Reduzierung der Blablabla.”
In manchen intellektuellen Sätzen stemmt ein sein (meist als ist) vier bis fünf abstrakte Begriffe. Satzmonstren. Dem armen kleinen “ist” wackeln die Knie angesichts des großen Gewichts der vielen wichtigen Substantive, die es ganz allein tragen soll. “Ei, isch wollt’ misch halt kurz fasse!”, sagt der stolze Schreiber, und ich kontere “Ja, toll, aber leider kaue ich zehn Minuten an deinem Satz herum, bis ich ihn kapiert habe!”
In der Kürze liegt zwar die Würze - aber zu viel Gewürz ist eben auch nicht gut. Man muss einen Satz vor allem verstehen können - ganz besonders in der Werbung. Denn wenn der Kunde den Satz nicht versteht, dann klappt er den Flyer eben wieder zu. Ganz einfach. Dumm gelaufen.
Sind Verben eigentlich teurer als Substantive? Kriegt man Substantive bei Aldi im Zehnerpack? Warum seid ihr so geizig mit Verben? Es sieht nicht klüger aus, wenn man einen grammatikalisch richtigen Satz mit drei Verschachtelungen basteln kann. Es sieht nur kopfiger aus.
Klugheit besteht darin, sich so auszudrücken, dass es jeder versteht. Noch besser ist es, wenn der Leser berührt ist.
Oder amüsiert. Oder beides.
Und zwar idealerweise schon beim ersten Mal Lesen.
Ich stimme zu! Ich finde das Phänomen sogar bei den Medien-Profis aus Hörfunk und Werbung, die ich gelegentlich berate. Und die sollten doch eigentlich lebendig und damit verb-lich schreiben können…
Aber eigentlich hat mich ein anderes Anliegen hierhin gegoogelt.
Ich frag mich: wie bezeichnen wir die Transformation von Substantiven zu Verben, also das Gegenteil einer “Substantivierung” bzw. “Nominalisierung”?
Verbalisieren ist es schon mal nicht… Danke vorab für Ihre Erklärung, Ihre Idee oder den Kommentar eines Ihrer Blog-Leser.
SH
Lieber Herr Hampe,
ich freue mich, dass Sie mit mir einer Meinung sind.
Die Rückwandlung von Substantiven würde ich wohl Verbisierung nennen. Aber toll klingt das auch nicht. Ich glaube, es gibt dafür noch kein Wort.
Spontan fällt mir dazu Pippi Langstrumpfs “Spunk” ein - Verbisierung ist wohl so ein Spunk. :-DD