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“Naheliegendste” und andere Verirrungen der deutschen Sprache

Im normalen Sprachgebrauch haben sich Wörter etabliert, die bei näherer Betrachtung vollkommen unsinnig sind. Sie setzen sich meist zusammen aus einem Adjektiv und einem Präsens-Partizip: z.B. naheliegend.

Eine Entscheidung ist naheliegend – ok. Soweit kann ich noch mitgehen.
Manche Entscheidungen liegen aber näher. Wenn man das ausdrücken will, wird daraus seltsamerweise naheliegender. Statt der Nähe wird also das Liegen gesteigert. Und das Liegen kann man noch weiter steigern: “Am naheliegendsten ist es, …”.

Der Bedeutung nach müsste eigentlich das Adjektiv gesteigert werden – anders kann es auch nicht sein. Naheliegend würde also gesteigert in näherliegend und nächstliegend: “Das Nächstliegende ist, …” Aber meistens lese ich naheliegender oder das Naheliegendste.

Das ist falsch – schon allein nach der Logik des Lebens: man kann liegen, und man kann schlafen, während man liegt. Aber man kann das Liegen selbst nicht steigern. Horizontaler als horizontal geht’s nicht.

Es gibt in der deutschen Sprache viele solcher Beispiele, und leider sind sie so etabliert, dass man sie nicht grammatikalisch richtig steigern kann, ohne überall Irritation hervorzurufen:

Schwerwiegend - wird leider nicht zu schwererwiegend oder schwerstwiegend, sondern zu schwerwiegender.

Leichtgängig - wird zu leichtgängiger, aber nicht zu leichtergängig.

Kleinmütig - müsste eigentlich zu kleinermütig werden – und zu kleinstmütig, wenn es im Superlativ steht.

Erfolgversprechend - da kann man eigentlich gar nichts steigern.

Doch wie soll man’s machen, wenn es überall so falsch gemacht wird, dass das Richtige komisch klingt?

Wenn ich eine Steigerung von naheliegend oder schwerwiegend brauche, vermeide ich diese Worte und drücke mich anders aus.

Wenn Sie wollen, können Sie mir weitere Beispiele schicken. :-)

12 Antworten auf “Naheliegendste” und andere Verirrungen der deutschen Sprache

  • Das sind eben die Grammatikregeln — wenn sich ein Adjektiv auf diese Weise mit einem Partizip (äh?) zusammentut, dann entsteht ein neues Adjektiv. Dieses ist als Ganzes zu steigern. Ein weiteres Beispiel ist “weitgehend, weitgehender, weitgehendst”.
    Einerseits ist es ja gut, dass es diese Regeln gibt.
    Andererseits kenne ich auch dieses Kopfzerbrechen beim Schreiben. Eben war man sich noch sicher, wie man den Satz bauen wollte, und dann kommen diese Zweifelsfälle. Ich formuliere auch lieber so, dass ich damit im Reinen bin ;-)

    • Tatsächlich, gibt es da eine entsprechende Regel? Ok, das muss ich dann wohl mal recherchieren.
      Gestern habe ich nämlich festgestellt, dass auch großartig eigentlich größerartig gesteigert werden müsste. Aber das klingt ja total bescheuert. :-D

  • Hallo, ich muss mich korrigieren, es ist wohl doch so, dass verschiedene Schreibweisen möglich sind, auch ‘weiter gehend’ und ‘weitestgehend’. Ich war mir sicher, dass ich dazu mal einen Zwiebelfisch gelesen hatte, der das anders erklärte. Nun habe ich aber doch mal unter Duden nachgeschlagen (siehe: http://www.duden.de/deutsche_sprache/sprachberatung/newsletter/archiv.php?suchwort=weitgehendst&id=82) – da kann man mal wieder sehen, dass die Regeln doch nicht so klar sind :-)

    • Genau. Erstens sind die Regeln nicht so klar, und zweitens richtet sich eh keiner (mehr) danach. Denn wer kann schon noch “richtig” schreiben? Selbst die erfahrensten Texter schreiben “Sie” manchmal auch dann klein, wenn es eine höfliche Anrede sein soll. Von den Kommaregeln ganz zu schweigen.
      Traurig finde ich es, wenn Regelkonformität falscher aussieht als falsche Rechtschreibung. Wie z.B. beim amerikanischen Genitiv: z.B. “Steffi’s Lädchen” – das Falsche hat sich so eingebürgert, dass das Richtige fast falscher aussieht: Steffis Lädchen.
      Egal.
      Meine Mutter würde jetzt sagen: “Wenn du sonst keine Probleme hast, dann geht es dir ja gut.” Und damit hätte sie Recht. :-)

      • Ok, jetzt bin ich irritiert. War das grad Absicht / Ironie? :smile:

        Denn falscher dürfte ja wohl noch falscher sein, als die anderen Beispiele.
        Ich meine, entweder ist etwas falsch, oder es ist richtig, richtig?

        • Theoretisch haben Sie natürlich Recht. Aber nach meinem subjektiven Empfinden kann etwas schon falscher sein als etwas anderes. Wenn ich z.B. lese: “Ich Gehe in die schule”, dann ist das falsch. Wenn ich aber lese: “Isch Gähhe inn Di schuhlle” ist das falscher. ;)

  • Wär ja schön, wenn Steigerungsformen nur bei so komplizierten Worten ein Problem wären.
    Neuestes Beispiel ständig im ORF: Die Schifahrerinnen sind zum Teil “längsämer” unterwegs als ihre Konkurrentinnen.
    Da fragt sich: Gibt’s auch “quer-ämer”, “karo-ämer” oder “uni-ämer”?

  • Eigentlich wollte ich nur ein weiteres, leider recht häufig zu hörendes, Beispiel falscher Steigerung anführen: ‘bestgekleidetst’, nach dem Motto ‘doppelt gemoppelt hält besser’. Aber dann fielen mir im letzten Beitrag die “kompli-
    zierten Worte” auf; ‘Wörter’ wäre die richtige Wahl gewesen.
    (Wenn wir schon einmal dabei sind!)

    • Achso, tatsächlich? Interessanter Hinweis, vielen Dank! :-)
      Ich werde mich mal schlau machen, wann man was schreiben muss. Über den Unterschied zwischen Worte und Wörter habe ich noch nie so genau nachgedacht. Aber da ich eines dieser beiden Worte (oder Wörter?) im Firmennamen trage, sollte ich den Unterschied schon wissen. Vielen Dank, dass Sie mich auf diese Bildungslücke aufmerksam gemacht haben. :)

  • Ganz einfach,
    mehrere, einzelne Wörter:
    Tisch, Vogel, Buch
    in diesem zusammenhang würde ich von wörtern sprechen
    das gesprochene wort bezeichnet für mich eher eine rede, die worte, am geburtstag gesprochen, gingen ans herz
    mh lol
    ich hoffe, es wird bissel deutlich, was ich mein ;)
    nja, das hab ich nich gegoogelt,
    is einfach so ein gefühl

  • @Aya: Genau so stimmt es aber – zumindest laut Wikipedia. ;-)
    Ansonsten: Mir fehlen die Worte…

  • Liebe Menschen, ich habe mich köstlichst (?) amüsiert über eure liebevollen und interessierten Auslegungen und Kommentare. Ich mache mir, bei der Verunglimpfung unserer Sprache (Werbung/Politik) heute eher einen Spaß daraus Worte so zu gebrauchen, wie es mir in dem Moment gefällt (privat) und “webe” so sozusagen (auch ein schreckliches Unwort, was jeder Fußballprofi im jeden Interview benutzt) das in meine Worte, was meiner Worte nicht ausdrücken können oder mehr, was ich hinterrücks wirklich sagen will. Oder wie jemand in seinem Buch sagte: “Es sind nicht die Worte oder deren Sinn, sondern das was sie in einem bewirken.”
    PS. köstlich amüsieren ist etwas Wunderbares – Vielen Dank dafür

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