Schreibtipps vom Texter

So wird Ihr Text besser!

1. Schachtelsätze vermeiden

Wenn Sie nicht gerade ein Buch schreiben, machen Sie kurze Sätze. Vermeiden Sie Schachtelsätze. Ein Komma darf drin sein, aber wenn Sie mehr brauchen, kann es schon kritisch werden. Prüfen Sie, ob Sie den Satz teilen können. 

Hier ein schönes Beispiel aus dem juristischen Alltag:

Entgegen der Ansicht der Antragstellerin bezieht sich § 91 Abs.2 Satz 2 ZPO, nach dem solche Mehrkosten nicht zu erstatten sind, die dadurch entstehen, dass der beim Prozessgericht zugelassene Rechtsanwalt seinen Wohnsitz oder seine Kanzlei nicht an dem Ort hat, an dem sich das Prozessgericht befindet, nicht auf die Postulationsfähigkeit sondern ausschließlich auf die Zulassung nach §§ 18 ff. BRAO.

Schachtelsätze sind schwer verständlich. Meistens muss man den Satz mehrmals lesen, um ihn zu begreifen. Oder man liest ihn eben nicht, weil er einem auf die Nerven geht. Und ärgert sich über den Schreiber.

Mit Schachtelsätzen trennt der Schreiber sich also vom Leser. Und manchmal verschenkt man die Wirkung einer wichtigen Information, wenn man sie in einen Nebensatz zwängt.

Mein Tipp:

Schreiben Sie grundsätzlich für jede Aussage einen eigenen Satz.
Packen Sie das Wichtigste in den Hauptsatz.
Prüfen Sie, ob alle Wörter notwendig sind.

2.  Substantivierungen vermeiden

Substantivierungen erscheinen gebildet. Und man kann damit viele Informationen in einen Satz packen.Aber sie bewirken, dass der Text stillsteht. Ich habe Sätze gelesen, die sich über sieben Zeilen erstreckten und extrem viel Inhalt enthielten - und das einzige Verb war ein "ist" oder "sind".

Der Text wirkt auf den Leser wie eine Burg, vor der er steht. Und oft muss man einen solchen Text mehrmals lesen, um ihn zu verstehen.
Der Autor versteckt sich hinter seinen Worten wie hinter einer Armee.

In einem Text ist es ein bißchen wie auf der Bühne:
Substantive sind die Schauspieler in einem Text,
Verben sind die Handlungen.
Wenn auf einer Bühne sehr viele Schauspieler präsent sind, müssen sie etwas TUN. Sie können dort nicht nur SEIN, sonst stehen sie ja nur herum - und es wird langweilig.

Bitte Action!

Benutzen Sie immer so viele Verben wie möglich.
Aber Achtung: Verwenden Sie keine Spagatverben! (Beispiele: aussöhnen, bekanntmachen, nachtrauern, zusammensetzen etc.) Wenn der Leser nach dem ersten Teil des Verbs 20 Worte lesen muss, bis endlich die rettende Auflösung kommt, überfordern Sie ihn.

Wenn Sie viele abstrakte Begriffe in einem Satz verwenden, brauchen Sie richtig saftige Verben. Farblose Alibi-Verben wie "sind", "tun können", "(be-)wirken" und "ermöglichen" sollten Sie in solchen Sätzen sehr sparsam einsetzen. Diese bringen kein Leben in den Satz.

 

3. Lebendige Sprache - kein Amtsdeutsch oder nichtssagende Oberbegriffe

Bitte lassen Sie Ihre Texte am Leben!

Amtsdeutsch und Oberbegriffe kommen oft gemeinsam mit Schachtelsätzen und Substantivierungen vor. Sie tragen eine Uniform und können den Inhalt Ihres Textes exekutieren. Also hinrichten.

So habe ich selbst jahrelang geschrieben:

"In vorbezeichneter Angelegenheit erlaube ich mir, Ihnen mitzuteilen, dass Ihre Kindesunterhaltsberechnung fehlerhaft ist, da der Sohn meines Mandanten keine Berücksichtigung findet."

Kein Leben, kein Herz, nur kalte Worte.
Bitte machen Sie's anders.

Immer so einfach ausdrücken wie möglich!

"Sie haben in Ihrer Berechnung den Sohn meines Mandanten nicht berücksichtigt. Die Berechnung ist daher falsch."

Amtsdeutsch ist für Menschen, die Abstand wahren wollen. Die sich hinter Worten verstecken wollen. Für Menschen, die keine Verantwortung übernehmen wollen. Oder sich keine Mühe geben wollen.

Lieber konkret schreiben als abstrakt:

Wenn der Leser ein Bild sieht, liest er Ihren Text lieber.
Schreiben Sie über Magnolien und Narzissen statt über Blumen. Sagen Sie Ohrensessel statt Sitzmöbel.
Werden Sie konkret und helfen Sie dem Leser, sich etwas vorzustellen.
Schließlich wollen Sie ihm etwas mitteilen, oder?

 

4. Keine Phrasen dreschen!

Wie geht es Ihnen mit Phrasen, die Sie schon 1000x gehört haben? Phrasen sagen meistens nichts, und wir überlesen sie, weil sie so abgedroschen sind.
Und sie sind ein Zeichen von Denkfaulheit.

Diese hier sind besonders verschlissen:

- die Seele baumeln lassen
- das Tanzbein schwingen
- über den eigenen Schatten springen
- aller Herren Länder
- von Kindesbeinen an
- nach dem Motto
- lautet die Devise
- lädt zum Verweilen ein
- unter die Haut gehen
- ...ist angesagt
- die Hühner satteln
- wie jedes Jahr
- auf Ihre Bedürfnisse individuell angepasst
- Herz & Verstand, Herz & Hirn
- und wieder (einmal) ist es so weit
- "Für den ersten Eindruck gibt es keine zweite Chance."
- ...der Name steht für Erfolg
- für das leibliche Wohl sorgen
- sich pudelwohl fühlen
- sich prächtig entwickeln

5. Lassen Sie alle überflüssigen Worte weg.

Ein Wort ist überflüssig, wenn man es nicht braucht.

Ich meine nicht die kunstvollen, bildhaften Formulierungen, ohne die jedes literarische Werk den Charme einer Bedienungsanleitung hätte. Ich meine die Worte, die der Aussage eine Bedeutungsschwere verleihen, die nicht nötig ist:

1. Muss man "zum jetzigen Zeitpunkt" schreiben, wenn man "jetzt" meint?
2. Wenn man "die Möglichkeit hat", "kann" man einfach. Das reicht.
3. Doppelte Verneinungen wie "nichts unversucht lassen".
4. Muss man etwas "bewerkstelligen", wenn man es genauso gut "kann"?
5. Statt "einen Betrag in Höhe von EUR 50,-" zu zahlen, kann man auch einfach nur EUR 50,- zahlen. Ohne Höhe.
6. "schlicht und ergreifend", "gut und gern", "nichts anderes als" oder der Satzbeginn "Nun, ..." sind Füllwörter, die man immer weglassen kann.
In der gesprochenen Sprache dienen sie meist der Lufthoheit bzw. dem Ballbesitz des Sprechers und geben ihm Raum, seine Gedanken zu ordnen und/oder sich wichtig zu machen. In der Schriftsprache braucht man sie hingegen nicht.

Sondergruppe der überflüssigen Worte: Pleonasmen, Tautologien - weiße Schimmel

Wetten, Sie benutzen auch welche? Hier eine kleine Auswahl:

Schwere Zerstörungen - Leichte Zerstörungen sind nur Beschädigungen.
Eigenhändige Unterschrift - gibt´s noch andere?
Schwerer Orkan - ein leichter Orkan ist nur ein Wind.
Kleine Zwerge - wenn sie groß werden, sind es keine mehr.
Runde Kugeln - zeigen Sie mir eine eckige?
Innerer Kern - ein Kern ist immer innen.
Alte Greise - Greise sind immer alt.
Andere Alternativen - wenn sie nicht anders wären, wären es keine Alternativen.
Absolutes Stillschweigen - ist wie feuchtes Flüssigwasser.

Auch aus dem Satzzusammenhang kann ein weißer Schimmel entstehen: "Wir freuen uns auf das bevorstehende Fest." Niemand freut sich auf ein zurückliegendes Fest.

Ein Satz ist dann gut, wenn man kein Wort mehr weglassen kann, ohne dass sich der Sinn des Satzes dadurch verändert.

Manche Worte sind nicht überflüssig!

Manchmal machen überflüssige Worte einen Text sogar verständlicher:

1. Mit einer Anekdote können Sie dem Leser den Einstieg erleichtern.

2. Wenn der Leser ein bestimmtes Hintergrundwissen braucht, um den Text verstehen zu können, müssen Sie das auch bringen. Aber auch hier muss man die Welt des Lesers im Auge behalten: Wer ist der Leser? Wie viel Wissen braucht der Leser wirklich?

3. Der Leser braucht Orientierung - zu viele Synonyme für einen Begriff können verwirren. Wiederholungen können den Leser entlasten, weil sie ihm klarmachen, dass es immer noch um die selbe Sache geht. Aber natürlich müssen Sie aufpassen, dass es nicht zuviel wird. Sonst wird es wiederum langweilig.

4. "Denn", "doch" und "aber" geben dem Satz manchmal eine ganz andere Bedeutung oder geben Klarheit, wie der Satz betont werden muss.

Gar nicht so einfach, oder?

6. Kein Ziffernsalat, bitte!

Bei Zahlen schaltet man meist ab.
Das gilt besonders für Vorträge, aber auch in geschriebenen Texten.

1. Vermeiden Sie daher Zahlen, wo es geht.

2. Übersetzen Sie sie in Bilder: "Die Puppe kostet so viel wie eine Woche lang jeden Tag Eis essen."

3. Mixen Sie nicht: Schreiben Sie alle Zahlen aus oder alle Zahlen hin.
Aber Achtung: Es kommt auf den Einzelfall an. 7648 können Sie natürlich nicht ausschreiben, ohne den Leser/Hörer zu vergraulen! 

4. Zählen Sie Gleiches gleich: "Mein erstes Auto hatte 25.000 Kilometer, das zweite 40.000".

4. Wenn Sie sie nicht vermeiden können, runden Sie auf oder ab: schreiben Sie "ein knappes Viertel" statt 23,43 %.

7. Achten Sie darauf, keine falschen Bilder zu verwenden.

Die Menschen sind dankbar für bildhafte Sprache, aber bei einem falschen oder umpassenden Bild kann man einen Knoten ins Hirn bekommen. Manche Schreiber verbinden auch zwei Bilder, die nicht zusammen passen. Oder man hat eine andere Assoziation, als der Schreiber beabsichtigt hat.

Meist entsteht das falsche Bild dadurch, dass Substantiven Verben zugeordnet werden, die nach den Naturgesetzen nicht funktionieren können:

Beispiel:

"Unsere neue Website steht in den Startlöchern und wird bald online gehen."
(Rennt sie los? Nur Menschen können in Startlöchern stehen. Alles andere klingt albern.)

Prüfen Sie daher, ob ein Bild stimmig ist. Oder lassen Sie mich das machen.

8. Gönnen Sie jeder wichtigen Aussage einen eigenen Satz.

Wenn Sie etwas Wichtiges zu sagen haben, können Sie dies unterstreichen, indem Sie öfter Punkte setzen als Kommas. Eine Aussage erhält wesentlich mehr Gewicht, wenn sie einen Satz für sich alleine hat. Und Sie dürfen auch einen Satz mit und, denn oder aber beginnen.